Die böse Tante Schlaflosigkeit, Madame L’Insomnie, besucht mich wieder.

Internetfreundinnen verschwinden plötzlich im weltweiten Netz und werden nicht mehr gesehen. Sind sie krank, tot, in eine Gegend ohne Netz ausgewandert?

Es regnet. Es regnet tags, es regnet nachts, und dazwischen auch. Ich koche Olla de peras, Birneneintopf. Im Kochbuch steht es unter Olla gitana, Zigeunereintopf. Freihändig, ohne Rezept, und in einer Variante mit Pastinaken.

Dem Freund, der kein Freund ist, erzähle ich etwas im Vertrauen. Ich kann mich darauf verlassen, dass er es nicht herumtratscht. Dass sich in meinem Leben immer die am übelsten beleumundeten Leute als die vertrauenswürdigsten erweisen, ist seltsam.

Sich mit Leuten auseinandersetzen, die auf der ganz anderen Seite stehen – ist das sinnvoll? Man muss dabei sehr vorsichtig vorgehen, damit niemand Gesicht verliert und abblockt.

Freund B ist Wirtschaftswissenschaftler, kein Philosoph. Einer, der den gemäßigten Taliban immer noch nahe steht, aber Frauenbildung für wünschenswert hält. Der Tod von Mahsa Amini schockiert ihn, der ansonsten ein Befürworter der Vollverschleierung ist und sie aus dem Koran begründen will. Ich bitte ihn, mir die persische Version von Bella Ciao zu übersetzen, die derzeit im Iran gesungen wird, aber er ist überfordert und kann mir nur sagen, dass es um Einigkeit und um das Andenken an Mahsa Amini geht.

Italien hat gewählt. Schlimmer geht anscheinend immer. Ich habe die italienische Politik in den letzten Jahren aus Gründen nicht verfolgt, das sollte ich wohl besser wieder tun.

Sehr, sehr viel beruflicher Stress, der sich inzwischen physisch und psychisch auswirkt.

Anderswo

Gedanken über die Proteste im Iran, die ausgelöst wurde durch den Tod von Mahsa Amini in Polizeigewahrsam. Und an Jamshid Sharmad. Sie wissen sicher, dass Dietrich Bonhoeffer noch am 09. April 1945 hingerichtet wurde? Was, wenn das iranische Regime sein Ende sieht und anfängt, um sich zu schlagen? Ich war noch ein Kind, als die Bockenheimer Landstraße schwarz von demonstrierenden Student*innen war, die riefen: „Der Schah ist ein Mörder und Faschist!“ Ich denke nicht, dass sie sich ein Regime wie das derzeitige vorgestellt haben.

Die Erinnerung an die Sklaverei ist noch lebendig.

Besonders schöne Fürbitten von dem katholischen Pfarrer Wolfgang F. Rothe aus München.

Kinderarbeit in Afghanistan.

Ich bin noch nicht sicher, was ich von ihm halte: Ridan, Madame La République.

Maria, Maria

oder auch Arielle.

Eine Disneyfigur wird von einer schwarzen Schauspielerin verkörpert. Kleine Mädchen freuen sich, dass sie jetzt ein Vorbild haben, das aussieht wie sie. (Ob jetzt gerade Arielle ein so tolles Vorbild ist, will ich nicht beurteilen, aber vielleicht werden ein paar dieser kleinen Mädchen einmal Meeresbiologinnen, Schiffsmechanikerinnen oder Kapitäninnen. Die Liebe zum Meer kann unterschiedliche Wege gehen.)

Sie können jetzt sagen: die spinnen, die Amerikaner! Ist es nicht egal, welche Hautfarbe ein Märchenwesen hat? Nicht ganz, und ich erzähle Ihnen gleich, warum. Als ich in der dritten Klasse war, führten wir in der Schule vor Weihnachten ein Krippenspiel auf. Ich hätte gerne die Maria oder einen Engel gespielt, durfte aber nicht einmal vorsprechen, weil Maria und die Engel blond zu sein hatten. Zumindest, was Maria betraf, versuchte ich die Lehrerin zu widerlegen, denn im Nahen Osten waren sicher auch zu Jesu Zeiten die meisten Menschen dunkelhaarig. Mit Engeln kannte ich mich nicht so aus. Es scheint eine Kleinigkeit zu sein, und im Nachhinein betrachtet, finde ich meine Traumrollen nicht mehr so erstrebenswert, aber damals war ich zutiefst enttäuscht, vor allem von der Begründung für die Ablehnung.

Wenn ein Kind Ablehnung erfährt auf Grund eines Umstandes, für den es nichts kann, dann ist das ein Schlag in die Magengrube. Das mag relativ harmlos sein, trotzdem verletzt es; umso mehr, wenn ein Kind schon Rassismus erfahren hat und Rassismus tatsächlich oder möglicherweise der Grund für die Ablehnung ist. Deshalb ist es wichtig, dass es auch einmal eine schwarze Arielle gibt. Dass ein Kind eine positive Figur sieht und sagen kann: Die ist wie ich.

Passbilder gemacht, sehr hässliche und billige Automatenfotos. Sie sind ja nur für die Krankenversicherungskarte und erfahrungsgemäß ohnehin kaum zu erkennen. Keine Ahnung, welcher Marketing-Dämelack sich den Begriff „Gesundheitskarte“ ausgedacht hat.

Meine Schwester kommt im Oktober und bringt mir die geerbten Stühle.

Wäre ich wohl im Dritten Reich emigriert? Wenn ich jung und unabhängig gewesen wäre, sicher. Ansonsten wäre es schwierig gewesen. Freund B hat darüber nachgedacht, Afghanistan zu verlassen, aber auch schon vor den Taliban. Er kannte nur Krieg und hat sich von den Taliban eine Art Frieden erhofft. Ich habe das vielleicht schon einmal erzählt. Ich glaube, er würde das Land auch jetzt noch gerne verlassen, aber er hat alte Eltern und eine jüngere Schwester, die studieren will und die er unterstützt, wo er kann. .

Die liebe Frau Wildgans hat mich an etwas erinnert.

Vor vielen Jahren lebte ich für kurze Zeit in einer Stadt im Süden Europas. Dort gab es Palazzi, und diese Palazzi hatten eine spezielle Treppe, die nur dazu benutzt wurde, Verstorbene aus dem Haus zu tragen. Ansonsten betrat niemand diese Stufen. Ein paar Jahre später sah ich einen unfreiwillig komischen Krimi, der in der Stadt spielte. Der nicht sehr gescheite Polizist lief mehrmals die Totentreppe hinauf und hinunter. Es wurde im Film nicht thematisiert. Ich glaube, die Filmcrew wusste nichts von den Toten und den Treppen. Die Einheimischen mögen sich still amüsiert haben.

Anderswo

Da wollte ich gestern die Links posten, die mir aus irgendeinem Grund wichtig oder zumindest interessant schienen, aber irgendetwas habe ich falsch gemacht und sie verschwanden im weltweiten Nirvana. Aber dann fand ich sie wieder.

Emran Feroz über das Reisen in Afghanistan, die Taliban und seine Familie.

Noch einmal Emran Feroz (über dessen Nachnamen ich immer lächeln muss), diesmal im Interview.

Naser Koshan über die Taliban, ein Jahr nach der Machtübernahme. Eine traurige Bilanz, meine ich.

Über die Instrumentalisierung der Burka. Frauen tragen die Burka, um sich zu schützen, sagt die Autorin. Das sollte nicht notwendig sein und ist ein Armutszeugnis für die Männer.

Ich verlinke hier sehr unterschiedliche Autoren. Wie Sie sich denken können, bin ich nicht mit allen in allen Punkten einverstanden. Ich versuche, zu lernen. Dazu ist es notwendig, unterschiedliche Stimmen zu hören. Freund B, der sich inzwischen als ein Anhänger der eher gemäßigten (städtischen?) Taliban entpuppt hat, schüttelt immer noch mein Weltbild durch. Ich frage ihn scheinbar nach Privatem, aber das Private ist politisch, wie wir wissen. So nähern wir uns einander an und entfernen uns wieder voneinander. Dabei ist es mir wichtig, meine Position klar darzustellen, aber seine zumindest zu respektieren. Manchen ist letzteres schon zu viel, aber wie soll ein Dialog ohne Respekt funktionieren? Hablando se entiende la gente.

Groß war der Sommer nicht, zumindest nicht hier. Aber als ich auf den Balkon trete, umhüllt mich die Nachsommerluft mit geradezu zärtlicher Wärme. Der Himmel wäre einer für Baal. Ich muss an eine Frau denken, die einst im Gras lag, weit weg von Europa, den Hut auf dem Kopf, die Zigarre im Mund, mit offenen Augen.

Draußen kläfft ein Hund, der Tonlage nach ein Rehpinscher, und eine Frau kreischt. Die Stimmen sind fast gleich.

Über der Kirche hängt ein blasser Mond. Wie meine Mutter es mir gezeigt hat, zeichne ich in Gedanken ein Z, aber in Sütterlinschrift.

Anderswo ist die Rede von Hochzeiten ohne Brautkleid. Mein Alptraum als junge Frau war: im Hochzeitskleid verlassen werden. Es kommt wohl vor, dass Bräutigame und auch Bräute nicht auftauchen..

Den einzigen Heiratsantrag meines Lebens bekam ich übrigens in der Wohnung, in der ich jetzt wohne. Wir lagen auf einer Luftmatratze auf dem Balkon, und er, dessen Deutschkenntnisse damals noch nicht perfekt waren, fragte unvermittelt: „Willst Du mit mir heiraten?“ Ich hielt es für einen Scherz und lehnte lachend ab. Jahre später erzählte er, er habe es durchaus ernst gemeint. Woher hätte ich es wissen sollen bei dem Hallodri?

Freund B rät auf Twitter einer Muslimin ab, eine Ehe als Zweitfrau einzugehen. Diese Dinge werden in seinen Kreisen offen diskutiert, auch auf Englisch, sonst würde ich es nicht mitbekommen.