24.01.2022

Gestern wäre mein liederlicher Onkel 81 Jahre alt geworden.

Der beste Ex der Welt meldet sich aus der Heimat mit schlechten Nachrichten.

Eine dokumentarische Serie über die Wege, die der Flamenco genommen hat, wartet darauf, angesehen zu werden. Mir fehlt die Energie und ich schlampe mich mit ein wenig Schreiben und alten Krimifolgen durch die Tage. An manchen Tagen lerne ich Pashto, an anderen bin ich zu müde.

Mädchenschulen sollen in Afghanistan ab März wieder öffnen. Freund B hat kürzlich erzählt, dass die Schule, in der seine Frau sich fortbildet, ohnehin wegen Mangels an Heizmaterial über Winter geschlossen ist.

Abends Pizza mit Rucola und Tomaten. Das schmeckt sehr gesund.

Pandemiespaziergang

Soll man überhaupt noch „Pandemiespaziergang“ sagen, nachdem der Begriff „Spaziergang“ von den Rechten besetzt wurde? Ich habe mich entschieden, das Wort beizubehalten. Man darf ja die Sprache auch nicht den Nazis und ähnlichem Gelichter überlassen, oder?

Die Fotos von gestern

und heute

19.01.2022

Bei Schlaflosigkeit hilft Sprachenlernen nicht weiter. Nach einer Viertelstunde bin ich erst recht hellwach, wenn auch nicht wach genug, mir die neuen Vokabeln wirklich zu merken.

Am Vormittag überfällt mich plötzlich die Angst um Mutter und Bruder. Mein Bruder ist in der gut besuchten Bibliothek eines Oberstufengymnasiums tätig und übernimmt auch allgemeine Verwaltungsarbeiten, um die Lehrer*innen zu entlasten. Dazu gehört auch das Testen der Schüler*innen. Ich habe Angst davor, dass er sich infiziert und eventuell auch meine Mutter ansteckt.

Im Büro erhalten wir eine neue Anweisung für den Notrufdienst im Home Office. Der Schreibtisch darf, abgesehen von der Mittagspause, nur noch verlassen werden, um die Toilette aufzusuchen. Über die Dauer des Toilettenbesuchs wurde nicht gesprochen, aber eine andere, derzeit gültige Anweisung lässt vermuten, dass von einer Dauer unter fünf Minuten auszugehen ist. Außer am Montag habe ich nur halbe Notrufschichten, aber was tun die Vollzeitler? Die fünf Minuten auf dem Balkon oder den schnellen Kaffee braucht man, um z.B. nach einem Unfall mit Personenschaden wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Der Fachbegriff dafür ist übrigens „Katheter-Assistance“. Nein, das war ein brancheninterner Witz, den Begriff brauchen Sie sich nicht zu merken. Ich werde mir wohl eine Verstopfung zulegen müssen. Eigentlich bin ich ja eine von denen, die während der Arbeitszeit am Schreibtisch klebt, ohne nach rechts und links zu schauen, aber was zu viel ist, ist zu viel.

18.01.2022

Eine Nachricht in eigener Sache: das Vorgängerblog „Geschichten und Meer“ ist auf Dauer geschlossen. Es kamen wieder einige Anfragen von potenziellen Leser*innen. Ich fühle mich geehrt, aber das Blog bleibt zu.

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Irgendwann, als ich noch jung war, wollte ich Sprachen sammeln. Sehr weit bin ich nicht gekommen. Wenn ich meine Muttersprache mitrechne, sind es bisher erst fünf, die ich einigermaßen fließend spreche. Andere verstehe ich teilweise oder kann sie zumindest etwas lesen. In manchen kann ich ein kurzes Gespräch radebrechen. Sprachen zu lernen, die der Normalbürger nicht spricht, die fast nur noch schriftlich existieren wie z.B. Latein, erscheint mir zumindest im Moment sinnlos. Vielleicht ändere ich meine Meinung noch einmal, wer kann das wissen? Ja, sogar mir ist klar, dass Latein wichtig für das Quellenstudium ist, aber derzeit brauche ich es nicht in meinem Leben, also ist es in die hinterste Kammer meines Hirns verschoben worden.

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Jemand bittet mich um Geld. Ich lehne die Bitte ab. Das gehört sich nicht, aber es handelt sich um eine Person, die ich jahrelang immer wieder mit kleinen und großen Beträgen unterstützt habe. Jetzt ist es genug, glaube ich. Während des größten Teils meines Erwachsenenlebens habe ich gut verdient und sparsam gelebt, so dass ich den Hallodris in der eigenen Familie und im Freundeskreis häufig aushelfen konnte, ohne Fragen zu stellen. Irgendwann konnte ich aber nicht mehr geradestehen für den finanziellen Leichtsinn anderer Menschen. Für sonstigen Leichtsinn übrigens auch nicht, deshalb wollte ich irgendwann auch keinen Mann mehr. Ich bin so erzogen: die Frau muss stark sein, darf aber dem Mann die Zügel nicht zu fest ziehen. Der Mann gibt den Hausherrn, aber letztlich liegt die Verantwortung bei der Frau. Nicht, dass wir da, wo ich herkomme, Männer besonders ernst nähmen oder ihnen allzuviel zutrauten, aber die Fassade muss gewahrt bleiben. Ich konnte damit nicht umgehen, noch nie.

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Das Buch von Francesca Melandri, das gestern beim Ausmisten meines Bücherregals auftauchte, habe ich anscheinend noch nicht gelesen, denn die handelnden Personen sind mir unbekannt.

17.01.2022

Corona-Morgenroutine: als Erstes werfe ich das Handy an und prüfe eventuelle Risikobegegnungen. Während ich auf die Warn-App warte, schicke ich Freund B einen kurzen Gruß. Dann die Tagesschau vom Vorabend in der Mediathek. Ein Tennisspieler scheint wichtiger zu sein als Coronazahlen in Israel und Flüchtlinge in Idlib.

Im Home Office tobt das echte Leben; allerdings habe ich es nur am Telefon, was an manchen Tagen für alle Beteiligten das Beste ist

Nach der Arbeit erledige ich den Einkauf für die nächsten paar Tage und wasche Wäsche. Danach lerne ich eine Stunde Paschtu und fühle mich herrlich entspannt. Es ist lange her, dass ich eine neue Sprache gelernt habe, und ich merke, dass mir das Lernen immer noch Freude macht, auch wenn ich nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht wirklich lange durchhalte.

16.01.2022

Kein Pandemiespaziergang, nur ein kurzer Ausflug zum Büchertauschschrank. Ich miste aus, um in ein ein paar Wochen umzuräumen. Nicht im Bücherschrank, sondern im ausgemisteten Regal in meiner Wohnung finde ich ein Buch der von Herrn Hauptschulblues empfohlenen Francesca Melandri. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich es gelesen habe, deshalb wandert es auf den Nachttisch. Aus anderen Büchern, die ich sehr geliebt habe, bin ich „herausgewachsen“. Das passiert. Soll sie ein anderer haben.

Anderswo

mit oder ohne Parlamentspoet*in. (Leider beide Artikel hinter der Bezahlschranke.)

Mehr war nicht. Oder wahrscheinlich doch, aber die Woche ging wie im Nebel an mir vorbei. Ein Tag krank, ein Tag regulär frei. Trotzdem außer Arbeit nicht viel getan.

Parlamentspoet*in, Gott ja, wenn es ansonsten an nichts mehr fehlt, vielleicht. Aber finde nur ich die Nähe zwischen Regierung – egal was für einer – und Kunst komisch? Sollte nicht die Kunst Missstände benennen, und wie tut sie das bei Regierungsnähe? Ich frage für die Zukunft, für den nächsten Rechtsruck. Wobei ich die jetzige Regierung nicht unbedingt schätze.

14.01.2022

Einen Urlaubstag genommen, um Dinge zu erledigen.

In Afghanistan gibt es laut Statistik vergleichsweise wenig Covid-Fälle. Es stellt sich mir die Frage, wie es um Test- und Behandlungsmöglichkeiten bestellt ist. Wie sieht es mit der Meldung der Fälle aus? Gerade im ländlichen Raum stelle ich mir das schwierig vor. Und: Wie übersteht ein ohnehin durch Hunger und Kälte geschwächter Körper eine Covid-Infektion?

Highlight des Tages hier bei mir war aber die Boosterimpfung, in mehrfacher Hinsicht. Ein schöner Spaziergang bei sonnigem Wetter zur Praxis, freundliche Menschen und ein reibungsloser Ablauf. Der nette Herr Doktor flirtet ein bisschen. (Kerle, halt die Luft an, du hattest meinen Impfpass in der Hand, du hast gesehen, was ich für eine alte Schachtel bin!) Jedenfalls habe ich jetzt einen neuen HNO-Arzt. Demnächst werde ich einen brauchen. (Keine Sorge, nichts Ernstes.) Und dann bin ich ja auch endlich geboostert, das allein erhellt schon den Tag.

Auf dem Heimweg grüßt mich eine blonde Frau, die ich eventuell aus einem Tanzkurs kenne. Sicher bin ich mir nicht.

Am Abend trage ich die Boosterimpfung und die Grippeimpfung vom Oktober pflichtgemäß in die SafeVac-App ein.

12.01.2022

Krankgemeldet. Der Selbsttest fällt negativ aus. Ich hoffe, das Ergebnis ist korrekt. Nach ein paar Stunden Extra-Schlaf fühle ich mich erheblich besser.

Freund B schreibt. Ihm und seiner Familie geht es nicht gut, aber sie halten stand. Seine Frau braucht demnächst neue Zahnfüllungen, wie ich auch. Im Unterschied zu Freund Bs Frau habe ich Arbeit, eine Krankenversicherung und notfalls Geld genug für eine Zuzahlung. Anderswo heißt es: kein Geld, keine Zahnbehandlung. Das Elend hat viele Gesichter. Ich tue, was ich kann, aber es ist zu wenig. Deshalb hier noch einmal die dringende Bitte: tun Sie etwas gegen das Elend in der Welt. Ich will Ihnen keine Organisation empfehlen, die Verantwortung für Ihr Geld müssen Sie selbst übernehmen, aber es gibt unzählige Länder, in denen Menschen sich eine angemessene Ernährung und medizinische Behandlung nicht leisten können.

An der Bushaltestelle hat sich neue Stammkundschaft eingefunden. Nach den Roma-Großmüttern, den hiesigen Obdachlosen und den hiesigen Trinkern ist nun eine Gruppe russischer Trinker aufgetaucht, deren Grölen bis in den dritten Stock dringt und mich in meiner Konzentration stört, wenn ich arbeite. Auch hier hat das Elend ein Gesicht, aber zumindest ist nicht der überwiegende Teil der Bevölkerung von Hunger bedroht. Wie sich aber Omikron in den Unterkünften der Bauarbeiter und der Arbeiter*innen im Schlachthof verbreiten wird, möchte ich mir am liebsten nicht vorstellen.