21. Woche

Das Maßhalten werden wir in den nächsten Jahren wieder lernen müssen. Weniger Auto, weniger Fleisch und Fisch, weniger Wohnraum. Unsere Unvernunft und die Ausbeutung des Planeten und seiner Geschöpfe auf das absolut notwendige Minimum zurückfahren.

Für den Urlaub kaufe ich einen Badeanzug mit Beinchen. So schön wie der von Frau Lakritze ist er allerdings nicht. Aber er hat Beinchen.

Da es so scheint, als werde das schöne Wetter nicht allzu lange halten, fahre ich zum See und spaziere auf meinem Lieblingsweg von Agatharied nach Gmund. Ich sehe einen Bussard, ein Rotschwänzchen, eine Mehlschwalbe, einen Distelfink(?) und vier Aurorafalter. Der Feuerwehrmann warnt vor schlechtem Wetter am Nachmittag und beschwert sich über die Unzuverlässigkeit hundertjähriger Kalender.  Die Wiesen blühen, die Sonne brennt und ich überquere gleich zwei Kuhweiden. Nicht absichtlich, aber der im vorigen Jahr vom Feuerwehrmann empfohlene Weg führt genau da entlang. Die Rindviecher schauen mich zwar wieder an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, aber da sie gerade beim Verdauen sind, überquere ich beide Weiden ohne Kuhhörner im Rücken. Eventuell höre ich im Wald eine ausgebüxte Kuh ohne Glocke oder aber einen Hirsch. Ich sehe aber nicht nach.

Auf meinem Balkon blüht der Thymian. Ich rette ein paar nützliche, aber anscheinend mäßig intelligente Insekten vor einem frühen Tod, indem ich sie mit Hilfe eines Glases und einer Karteikarte wieder aus der Wohnung bugsiere. Hinein kommen sie immer irgendwie, aber dann finden sie den Ausgang nicht mehr.

Es regnet. Ich verwerfe einen Text für eine Blogparade. Und beschließe wieder einmal, mein Leben außerhalb des Internets streng von meinen Internetaktivitäten zu trennen.

Es regnet weiter. Ich sage mir, dass weniger mehr ist und gehe bis auf weiteres  nur noch einmal die Woche zum Flamencotanzen. Die Chancen, dass ich in meinem Alter noch beim Spanischen Nationalballett engagiert werde, sind vergleichsweise gering, also kann ich es auch ruhiger angehen lassen.

Die Isar tritt über die Ufer. Majestätisch und unbeeindruckt schwimmen Schwäne über die Wiese.

In meinem Portemonnaie befindet sich eine neue Plastikkarte. Sie stellt die moderne Version meiner Jahreskarte für den hiesigen ÖPNV dar und ist – entgegen den Angaben auf der Website des hiesigen ÖPNV-Anbieters – schon seit dem 1. Mai 2019 gültig. Da ich den Kontrolleuren und -eusen zutraue, sich doch eher an die Angaben auf der Website zu halten, führe ich das Schreiben, das die tatsächliche Gültigkeit bestätigt, stets mit. Heute morgen stellte sich jedoch ein ganz anderes Problem. Das Kontrollpersonal hat tatsächlich schon die Lesegeräte für die neuen Karten, nur brauchen die Geräte eine Internetverbindung, um lesen zu können. Die war heute morgen in der U-Bahn recht wacklig, wie es schien, und so las das Gerät gefühlt fünf Minuten an der Karte herum, bis Herr Kontrolleur schließlich erleichtert „Zone 1-3“ seufzen konnte.

Gelesen: immer noch Martin Mosebach, Westend.  (Mosebach erzählt so gemächlich, dass man sich beim Lesen dem langsamen Tempo anpassen muss.)

Juna über Judentum und Aneignung.

Frau Fundevogel über schwärmende Bienen.

Gehört: Brass Banda (allerdings weiß ich nicht, wie der Milchpreis gerade steht)

 

 

4 Kommentare zu „21. Woche

  1. In der Schweiz gehen die Wanderwege fast immer über besetzte Kuhweiden. Mit extra „Türen“. Kühe sind äußerst friedliche Tiere. Außer man reizt sie, lassen sie Menschen in Ruhe. (Unter uns: Menschen machen mir mehr Angst als Kühe.)

    Ich mag diese Wochenrückblicke übrigens sehr.

    1. Liebe Sophia, vielen Dank für den Zuspruch. Den kann ich zur Zeit mal wieder gebrauchen.

      Was die Kühe betrifft: ich kenne halt in erster Linie die Milchkühe, die meine Cousinen halten: fiese Biester, die schnell rennen können und gerne mal einen Menschen „ins Gras legen“, den sie nicht kennen. Deshalb habe ich seit meiner Kindheit großen Respekt.

  2. Danke besonders für die ersten Zeilen des Textes. Freue mich immer, wenn eine das ausspricht. Bescheidener müssen wir werden, auch wenn es das uncoolste ist und niemand damit eine Wahl gewinnen wird.
    Danke auch fürs Verlinken, die Damen Bienen leben sich ein.
    Und nochmal Danke für den anderen Link und die Wochenrückblicke mag auch ich sehr gern

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