27.09.2021

Ich lese weiter in Eva Demskis „Neuen Gartengeschichten“. Ähnlich wie ich auf meinem Balkon beobachtet sie, was in ihrem Garten wächst und von selbst wieder kommt, während die Gartengeschäfte noch geschlossen sind. Auch sie bemerkt eine Zunahme der Insektenpopulation. Ihre Gedanken zerfransen ganz ähnlich wie meine in dieser Zeit.

Die Gespräche mit Yasir tun mir auf irgendeine Weise gut, denke ich zunächst. Dann sehe ich zufällig einen Tweet, in dem er die Todesstrafe befürwortet. Ich hätte es mir ja denken können. Was nun? Bisher dachte ich immer, mit Befürwortern der Todesstrafe rede ich nicht, da ziehe ich die Grenze. Ich diskutiere mit ihm. Sein Hauptargument ist, dass der Koran die Todesstrafe erlaubt – ich weiß nicht, ob das stimmt – meins, dass wir Menschen uns nicht anmaßen dürfen, über Leben und Tod zu entscheiden. Wir drehen uns dabei im Kreis. Ich weiß nicht einmal, ob ich den Anflug eines Zweifels wecken konnte. Und hier kommt die Verantwortung ins Spiel, die man übernimmt, wenn man das Gespräch mit der Gegenseite sucht: man kann den Menschen hinter der Ideologie dann nicht mehr einfach fallen lassen. Das ist der Moment, in dem unser Gespräch kein Glasperlenspiel mehr ist. Da ist der Talib, und da ist Yasir, der ehrlich bestürzt ist, als ich selbstironisch von meiner schwarzen Seele spreche. Zwei Seiten eines Menschen, die man nicht voneinander trennen kann. Natürlich wusste ich, dass so ein Moment kommen würde. Aus diesem Grund habe ich gezögert, das Gespräch zu suchen. Wie weiter?

Enno Lenze reist nach Afghanistan. Die Taliban scheinen auf Außenwirkung bedacht zu sein. Ich weiß noch nicht, was ich von Enno Lenze halte. Die überraschende Freundlichkeit der Taliban, von der er spricht, bemerke ich auch bei Yasir. Yasir hat Wirtschaftswissenschaften studiert, glaube ich. Ich habe ihn übrigens immer noch nicht gefragt, ob er damit einverstanden ist, dass ich über ihn blogge, und ich fühle mich mies deswegen.

11 Kommentare zu „27.09.2021

  1. Ich glaube, das wichtigste ist zu erkennen, dass jeder Mensch gut und böse zugleich ist und das es kein schwarz-weiß gibt. Ohne die Todesstrafe befürworten zu wollen, viel (oder alles?) hängt auch von der Kultur ab, in der man aufgewachsen ist. Ich sehe es an meinem Sohn: Er kommt als unschuldiges, völlig blankes Blatt auf die Welt und wir und die Gesellschaft bringen ihm bei, was normal ist und was nicht. Wenn Menschenleben nicht den Stellenwert in der Gesellschaft haben, die sie bei uns haben, kann ich mir durchaus vorstellen, dass man die Todesstrafe befürwortet und nichts weiter daran findet.
    Das Problem ist, egal auf welcher Seite: Mit Abstand betrachtet ist es einfacher, sich vordefinierte Grenzen zu setzen. Doch sobald das Gegenüber ein Mensch mit Sorgen, Gefühlen und Gedanken wird, ist es schwierig, vordefinierte Grenzen zu setzen.
    Entschuldige den langen Monolog, aber es sprudelte so aus mir heraus. 😄 Viele Grüße aus Frankfurt, Eva

  2. Mittlerweile glaube ich, eines der großen Übel und einer großen Gefahr unserer Zeit ist genau das, wir mit jemanden nicht reden, der konträrer Meinung ist. Das wir nur die Aussage und nicht den Menschen nehmen. Das ist zum Teil sicher eine Folgeerscheinung der sozialen Medien. Womit ich sie nicht verteufeln will, denn wenn man erkennt was dort nicht funktioniert, kann man es ja für sich korrigieren. Alles Liebe

  3. Fühlen Sie sich bitte nicht schuldig. Die Schuld liegt woanders.
    Was soll das Ende des Dialogs sein?
    Z., die ich seit 5 Jahren begleite, ist völlig konfus. Sie sagt nur immer „Die Frauen, die Mädchen…“.

    1. Z. ist Afghanin?
      (Und Schuld? Im Moment macht mich das alles auch völlig konfus.)

  4. Ja, das ist sie. Ich begleite sie seit 5 Jahren, die Familie auch manchmal. Der Vater lebt seit 25 Jahren in München, hat deutsche Staatsangehörigkeit und holte 2015 die Familie nach. Gottseidank.

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