26.02.2022

Bald wird mein liederlicher Onkel begraben. Er hat sich ein anonymes Begräbnis gewünscht. Dazu muss (zumindest hier in München) die Urne zehn Jahre lang aufbewahrt werden, erst dann darf sie in die Erde. Ich habe meine Onkel sehr lieb gehabt, aber er hat durch seinen Lebenswandel und seine Rücksichtslosigkeit vielen Menschen geschadet. Zu Grunde lag wohl eine psychische Erkrankung. Helfen lassen wollte oder konnte er sich nicht. Ich kann deshalb keine Filme mit Harald Juhnke sehen. (Dies bitte nicht kommentieren, es ist zu schmerzhaft.)

Freund B fragt, ob ich schon gefrühstückt habe. Ich erzähle, was man in Deutschland zum Frühstück isst und frage nach seinem Frühstück. Brot und Tee, sagt er, er und seine Familie leben hauptsächlich von Brot und Tee.

Ich folge der Kriegsberichterstattung aus der Ferne und mir fällt eine Zeile aus einem Partisanenlied ein: „Il y a des pays où les gens au creux des lits font des rêves.“ Man lobt die Courage des ukrainischen Präsidenten und schöpft Hoffnung aus Widrigkeiten, die den russischen Soldaten begegnen. So irrational Putin auch erscheinen mag, fürchte ich doch, man darf weder ihn noch das russische Militär unterschätzen.

Manche sind – vom Sofa in Deutschland aus – regelrecht kriegsbesoffen. Das wird aufhören, sollte der Krieg sie am eigenen Hintern packen. Ich bin angewidert, aber nicht nur von den Kriegsbesoffenen, sondern auch von denen, die sich in Banalitäten ergehen. (Gerade ich muss das sagen: dieses Blog ist bekanntermaßen eine einzige Aneinanderreihung von Banalitäten.)

Viel Solidarität mit ukrainischen Flüchtlingen. Man bietet Sofas, Zimmer und sogar Ferienwohnungen an. Andere fragen sich, warum man das nicht schon 2015 getan hat. Die Ukrainer*innen sind weiß und christlich, sagen einige. Eine andere mögliche Erklärung, die mir lieber ist: man hat in 2015 das Elend der aus Syrien Geflüchteten hautnah mitbekommen und will es dieses Mal besser machen.

Aus Polen und der Ukraine Gerüchte: man habe in der Ukraine lebenden schwarzen Flüchtlingen den Grenzübertritt nach Polen verwehrt. Begründung sei gewesen, dass ukrainische Staatsbürger*innen Vorrang hätten. Ob es wahr ist, weiß ich nicht.

4 Kommentare zu „26.02.2022

  1. Vielleicht können wir alle gerade nur „falsch“ und widerlich reagieren. Wie könnte ein Richtig aussehen?

    Deine Texte fand und finde ich wertvoll, auch als Zeitdokumente.

    (Ich flüchte aüßerlich in die Natur & in Rätselspiele, weil ich überfordert bin. Und zugleich bin ich inwendig voller Trauer-Wut-Mitschmerz-Angst bis zum Rand.)

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