Eine Dame spricht mich an und setzt sich neben mich. Ich habe Lust auf ein wenig Smalltalk. Dann jedoch zieht sie vom Leder: Flüchtlinge, insbesondere die aus Afrika, sind ihr ein Dorn im Auge. Man könne ja nicht mehr ohne Angst U-Bahn fahren. Ich möchte ihr widersprechen, aber gerade fehlt mir jegliche Energie für eine Diskussion. Also lasse ich sie reden – es würde ja doch nichts nützen – und verabschiede mich nach einer Weile höflich.

Die Obdachlose, die tagsüber an der einen Haltestelle schläft, zieht gegen Abend an die andere um. Sie schreit den schwarzen Mann, der sich vor dem Regen unterstellen will, an, er soll weggehen, aber sofort. Eine schwarze Frau sei nett zu ihr gewesen, aber der schwarze Mann soll weggehen. Sie sagt übrigens weder „schwarzer Mann“ noch „schwarze Frau“. Wieder greife ich nicht ein. Die Schwächsten unserer Gesellschaft attackieren einander. Soll ich unten auf der Straße antraben, wie früher das „Fräulein von der Fürsorge“? Ich bleibe auf meinem Balkon und beobachte, wie der schwarze Mann das Feld räumt.

Eine Mutter mit Kinderwagen steht an der Treppe zur U-Bahn. Steht nur da, sieht sich nicht um, bittet auch nicht um Hilfe. Vielleicht wartet sie auf den Vater, vielleicht wartet sie doch darauf, dass ihr jemand hilft. Mir ist schwindelig, ich fürchte, mitsamt Kind und Wagen die Treppe hinunterzufallen. Also gehe ich vorbei. Ich schäme mich für meinen Schwindel und ich schäme mich, weil ich nicht geholfen habe.

Ich muss an Victoria Thérame denken, die den schönen blonden Jungen am Montmartre nicht „für die Fabrikarbeit resozialisieren“ wollte. Die Motive fürs Nicht-Eingreifen sind vielfältig.

Die Menschen sind gut, aber die Leute schlecht, soll der von mir innig gehasste Karl Valentin sinngemäß gesagt haben. (Ich schließe mich nicht aus, ich gehöre wohl definitiv zu den Leuten.)

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Ich träume, meine Mutter riefe nach mir. Ich gehe hinunter; aus ihrem Schlafzimmer schießt ein kleines, laut heulendes, in ein Laken gewickeltes Wesen und versteckt sich in einem Winkel. Ich weiß, es ist die Angst, aber ist es meine oder die meiner Mutter? (Das ist die Frage, die ich mir im Traum, nicht in der Realität, stelle.)

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Der Sänger an der Bushaltestelle hat ein neues Repertoire. Er singt nicht mehr „Lobet den Herren“ sondern in schlechtem Italienisch „Dimmi quando“. Die blökende Bocksstimme ist aber während seiner Abwesenheit nicht schöner geworden.

3 Kommentare zu „

  1. Danke für das Teilen.
    Hach ja…Die Angst vor den Flüchtlingen…Vor allem ham’s a Angst aber nicht vor dem Rechtsextremismus der gerade floriert. Haben wir gerade in der Coronaphase erlebt. Da bin ich sofort zum Impfen gegangen :))

    Den Valentin liebe ich! Ich bin ja auch Münchnerin . Er mag zwar stellenweise ein ekliger Macho gewesen sein, aber er war einfach zu echt (und zu schlau noch dazu!). Er hat ja sogar die Nazis durch den Kakao gezogen. Weil er nie mitgelaufen ist hat man ihn eben regelrecht verhungern lassen.

    Ein Bayer der nie bayrisches Kabaret gemacht hat. Der Unverstandene…140 Jahre alt wäre er geworden :)

    grüsse

  2. Ohne Energie: „Suchen Sie sich eine/n anderen/n Gesprächspartner*in“. Aufstehen und gehen. Das ist kein Tipp für Sie, sondern das habe ich mir fest für mich vorgenommen. Diskutieren? Nein.

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