Eine Woche Mastodon

ist eigentlich zu wenig , um Erhellendes schreiben zu können.

Ich habe ein Profil auf literatur.social angelegt. (Sagt man das so?) Dort bewegen sich nicht nur Verfasser*innen hochgeistiger Literatur. Anscheinend gibt es dort Menschen, die Trivialliteratur schreiben, es gibt solche, die sich aus beruflichen oder sonstigen Gründen mit Literatur beschäftigen, und auch solche, die einfach gerne lesen und sich Information und Anregung wünschen. Ich selbst suchte ein Umfeld, in dem ich hauptsächlich Dinge über Sprache und Literatur lesen kann. Vermutlich bin ich auch nicht die einzige völlig ambitionslose Kleinstbloggerin da. (Ich maße mir auch nicht an, Literatur zu produzieren.) Saša Stanišić ist dort, dessen Bücher ich mag. Ich folge ihm, aber wir interagieren nicht miteinander. Auf den ersten Blick erscheint Mastodon ein wenig zwangloser als Twitter. Ob das nun generell so ist oder aber eine Besonderheit von literatur.social, weiß ich nicht. Wie sich das im Laufe der Zeit noch ändern wird, weiß ich auch nicht. Im Moment ist es einfach noch ruhiger als auf Twitter, aber Menschen sind Menschen. Ich gehe davon aus, dass es bald auch auf Mastodon regelrechte Kriege um den korrekten Gebrauch bestimmter Wörter und Formulierungen geben wird.

Man hat die Möglichkeit, sich eine“ lokale“ oder eine „föderierte“ Timeline anzeigen zu lassen. „Lokal“ heißt: man sieht Beiträge, die auf der Instanz, auf der man sich angemeldet hat, veröffentlicht wurden. Zur föderierten Timeline sagt Mastodon: „Dies sind die neuesten öffentlichen Beiträge von Personen auf diesem und anderen Servern des dezentralen Netzwerks, die dieser Server kennt.“ Mitunter kommen in der föderierten Timeline die Beiträge* aber so schnell, dass ich nicht folgen kann. In der föderierten Timeline liest man auch Dinge wie „meine Katze kann Kopfstand machen“ oder „mein hochbegabtes Kind macht leider nur Dummheiten“, die sind in meiner lokalen Timeline seltener, und das gefällt mir recht gut. (Nichts gegen Ihre Katzen oder Ihre Kinder, aber es interessiert mich einfach nicht so sehr, ob sie auf dem Kopf stehen oder auf den Füßen.) Die Startseite ist wohl ähnlich wie die Startseite auf Twitter, und auch langsamer als die föderierteTimeline.

Schließlich Elon Musk: ein schwieriges Thema. Sollte man ihm Twitter unwidersprochen überlassen oder sollte man ihm etwas entgegensetzen? Kann man überhaupt etwas tun?

Hier noch ein Link zu Mastodon als Twitter-Alternative, aus berufenerem Munde.

*Ich weigere mich noch, „toots“ zu schreiben. Das klingt mir doch zu albern.

Das erste Adventslicht brennt.

Am Vortag ein Zither-Konzert in Sankt Stephan, einer der beiden katholischen Kirchen in meiner Nähe. Eine steht an jedem Ende des Straßenabschnitts, an dem ich wohne, Sankt Stephan ist die kleinere. Mozart, Händel, dann Moderneres, schließlich Volkstümliches und Weihnachtliches. Das Publikum kommt überwiegend aus der Nachbarschaft.

Zuvor eine Dokumentation auf Arte: Sturmhöhe. Den Roman habe ich zuerst im Leistungskurs Englisch gelesen. Viel wirklich Neues erfahre ich nicht, trotzdem wird mein Laiinnenwissen zumindest aufgefrischt.

Zum Wandern ist es zu kalt. Hätte ich mich rechtzeitig um einen warmen Wanderanorak gekümmert, wäre es das nicht. So muss ich meine Pläne ändern und eine Runde durch einen der örtlichen Parks drehen, wo mein Wintermantel nicht fehl am Platz ist.

Meinen Twitteraccount wickele ich in diesen Tagen ab. Weniger wegen Elon Musk, den man sicher im Auge behalten sollte. Mir ist Twitter inzwischen zu viel. Meine winzige Nische auf Mastodon soll ein Neuanfang sein, weniger Menschen, mehr Literatur und Sprache. Einigen geschätzten Twittergeschwistern begegne ich dort wieder, zwei sehr geschätzte haben mir sogar ihre E-Mail-Adressen geschickt, worüber ich mich besonders freue. Manche haben Blogs, denen ich hier folge. Andere scheinen nicht unbedingt Kontakt halten zu wollen, aber das ist in Ordnung.

Der größte Fußfallfan im näheren Büroumfeld ist irritiert über die Haltung der deutschen Mannschaft. Es wundert mich, kenne ich doch seine sonstige Haltung. Aber vielleicht ist auch für ihn das Maß nun voll. Ich äußere mich nicht

Susi Südzucker beklagt sich, dass ein Kunde aus Schleswig-Holstein sie nicht versteht. Ich rufe den Kunden zurück. Er spricht gemäßigtes Platt, durchaus verständlich. Hinterher schicke ich ihr eine Nachricht, dass sie eben nicht Schwäbisch mit solchen Kunden sprechen darf, wenn sie verstanden werden will. Ich formuliere es scherzhaft, aber sie begreift nicht.

Auf dem Heimweg kaufe ich einen Kalender für 2023. Die App auf dem Handy nutze ich nicht mehr, die ist mir zu langsam und zu unübersichtlich. Vor dem Laden höre ich ein Gespräch zwischen einer alten Dame mit osteuropäischem Akzent und einer muslimischen Familie mit. Die Dame bringt dem sehr kleinen Mädchen bei, „mashallah“ zu sagen. Die Eltern amüsieren sich, die Dame erzählt, dass sie katholisch ist und lange in muslimischen Ländern gelebt hat.

Dankbar für ein warmes Federbett. Ein Dach über dem Kopf. Genug zu Essen. Medizinische Versorgung. Ein regelmäßiges Gehalt. Wachsende innere Unabhängigkeit mit zunehmendem Alter.

Anderes fehlt.

Abends Geschrei auf der Straße. Der schizophrene Nachbar hat letzte Nacht wieder um Hilfe gerufen.

Mit Freund B spreche ich über den bevorstehenden Winter. „Wer Geld hat, heizt mit Kohle oder hat eine Zentralheizung. Alle anderen holen gerade die Steppdecken heraus“, erzählt er. Ich erinnere mich an einen afghanischen Film, den man zu anderen Zeiten als neorealistisch bezeichnet hätte, in dem die Familie, in Steppdecken gewickelt, beim Essen saß. Ich erzähle ihm vom Haus meiner Großeltern, einem Haus ohne Heizung, aber mit einem großen, alten Ofen in der Küche. Meine andere Großmutter hatte ein Haus mit Zentralheizung, aber für alle Fälle noch einen kleinen, gusseisernen Ofen im Wohnzimmer. Der Ofen steht jetzt im Keller bei meiner Mutter und er funktioniert noch.

Ist Ihnen aufgefallen, dass in der U-Bahn alle nur noch aufs Handy starren? Oder ist das nur in München so? Ich tue es ja auch, z.B. um in einer App die Tageszeitung zu lesen. Vermutlich ist mir deshalb der eine Mann aufgefallen, der mit dem Buch aus der Bibliothek.

Das Mütterlein hat mir seinen Weihnachtswunsch mitgeteilt: eine Spende in ihrem Namen an eine Organisation, deren Arbeit sie schon seit Jahren unterstützt. Sie wünscht sich nichts Materielles mehr, sie hat alles.

Im Büro intensive Arbeit. Ich arbeite zügig, hetze mich aber nicht mehr. Den Anspruch, die Welt zu retten, habe ich mir in den letzten zwei Jahren abgewöhnt.

Ich melde mich auf Instagram an, um die Beiträge einer Bloggerin zu lesen, die nur dort zu lesen sind. Dabei bemerke ich mit Entsetzen, dass mir nicht nur der Account eines Kollegen angezeigt wird, sondern auch der meiner Schwester (von dem ich nichts wusste). Schwesterlein hat ihren Account auf privat gestellt, was ich ihr sogleich nachmache. Woher weiß Instagram von einer Verbindung zwischen mir und den genannten Personen? Menschen, die ich privat kenne, meide ich im Internet und umgekehrt auch. Schwesterlein und ich haben je ein Privatleben, und das soll auch so bleiben. Was den Kollegen betrifft: wo der ist, sind wahrscheinlich noch mehr, was ein triftiger Grund ist, sich auf Instagram bedeckt zu halten.

Die neue Telefonsoftware hat den Praxistest bestanden, allerdings erst im zweiten Anlauf. Drei Stunden lang ging gestern gar nichts, dann funktionierte es doch, aber der Zusammenhang zwischen der Anleitung und der Realität war – wie so häufig bei unserer IT – nicht so leicht zu erkennen. Immerhin, nach zwei Jahren Pandemie haben wir nun auch die Hoffnung auf professionelle Telefonie im Home Office. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.

Freund B schockiert mich. Er ist aber der, der er ist, mit allen Widersprüchen.

Ich bin zu faul, um zu Mastodon zu wechseln. Ja, auch ich habe dort einen Account erstellt, aber wird es da besser sein? Sollte Twitter irgendwann noch unerträglicher werden oder schließen, wird es eventuell nur noch dieses Blog geben. Ich habe nur noch wenig Lust auf social media.

Zum ersten Mal den Wintermantel getragen. Vor zwei Wochen dachte ich, dass es sicher bald doch noch kalt werden würde und brachte ihn in die Reinigung. Das war wohl eine meiner gescheiteren Ideen, denn jetzt ist es kalt. Eine wärmere Wanderjacke werde ich auch brauchen.

Frühdienst im Büro, nicht im Home Office. Nach einer Woche Urlaub quillt der Postkorb über, meist problematische Fälle oder Regresse. Mir ist es allerdings lieber, die Problemfälle selbst zu bearbeiten, denn ich bin schon einige Male aus dem Urlaub gekommen und habe meine Akten nicht wiedererkannt. („Schuld“ war allerdings immer ich, denn außer mir sind bekanntermaßen alle unfehlbar.)

Dafür zwei Lieblingskolleg*innen im Büro, und ein Praktikant, der sich anscheinend große Mühe gibt. Für Gelächter sorgt ein Anwalt, der so einen Unsinn schreibt, dass sogar ich als Nicht-Juristin den Unsinn bemerke.

Auf dem Heimweg eine Waage gekauft, das billigste Modell. Eine Personenwaage, ich hatte nämlich keine. Meine Küchenwaage ist 80 bis 100 Jahre alt. Letzteres nennt man wohl nachhaltig.

Die U-Bahnen werden wieder voller, die Maskendichte ist unterschiedlich. Ein Muster erkenne ich noch nicht. Nur freitagabends tragen regelmäßig die wenigsten noch Maske.

Auf dem Grabstein hockt eine Rabenkrähe, und ich muss an Edgar Allan Poe denken. Die Sonne ist im Sinken begriffen. Kein gutes Licht für Fotos. Das Grab der Marie Louise Mendel (von Larisch-Wallersee, wenn Sie wollen) und das ihres Vaters sind üppig geschmückt. Kalt ist es nicht in diesem November.