Die liebe Frau Wildgans hat mich an etwas erinnert.

Vor vielen Jahren lebte ich für kurze Zeit in einer Stadt im Süden Europas. Dort gab es Palazzi, und diese Palazzi hatten eine spezielle Treppe, die nur dazu benutzt wurde, Verstorbene aus dem Haus zu tragen. Ansonsten betrat niemand diese Stufen. Ein paar Jahre später sah ich einen unfreiwillig komischen Krimi, der in der Stadt spielte. Der nicht sehr gescheite Polizist lief mehrmals die Totentreppe hinauf und hinunter. Es wurde im Film nicht thematisiert. Ich glaube, die Filmcrew wusste nichts von den Toten und den Treppen. Die Einheimischen mögen sich still amüsiert haben.

Im Garten meiner Großmutter, der jetzt meinem Patenonkel gehört, gibt es nur noch einen Johannisbeerstrauch. einen Stachelbeerstrauch und einen Apfelbaum. Mehr braucht ein alter Mann wohl nicht. Aber Rosen hat er gepflanzt, Mainzer Fastnacht, Gloria Dei und viele andere, die ich gar nicht kenne. Er schimpft über die Arbeit, die ihm die Rosen machen, andererseits weiß er auch, dass Rosen etwas aushalten und sehr unverdrossen blühen können.

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Einen wunderschönen Park hat die Schlossanlage Schleissheim. Es gibt einen Hofgarten, eine Kaskade, die fast wie das Meer rauscht, klug platzierte Sichtachsen und vieles mehr. Da könnte mir eine Geschichte einfallen über einen Gärtner, der eine feine Dame verführt, indem er ihr Geschichten über seinen Garten erzählt. Im Gegenzug erzählt sie ihm vom Meeresufer, an dem sie vor ihrer Heirat lebte und das er nicht kennt… (Wenn Sie die Idee mögen, stehlen Sie sie ruhig. Mir fehlt ja, wie Sie wissen, der Antrieb zum Schreiben. Das hier ist kein Schreiben, sondern nur Spielerei.) Freund B schicke ich ein Foto vom Schloss Lustheim und dem Park. Er fragt, warum keine Leute im Park sind. Ich vermute, weil es ein Werktag und noch früh ist.

Im Schloss Lustheim sehe ich Meißener Porzellan aus dem 18. Jahrhundert, und mir fällt auf, dass einige Muster auch in späteren Zeiten noch verwendet wurden, so zum Beispiel ein komplizierter Goldrand, den ich auch auf dem Geschirr einer Tante gesehen habe. Das Geschirr meiner Tante kann aber frühestens um 1900 entstanden sein und wurde wahrscheinlich an sie vererbt. Zum ersten Mal begegnen mir „Koppchen„, und ich erinnere mich an das Wort „Käppchen“, mit dem meine Mutter in ihrem Dialekt eine Kaffeetasse bezeichnet. Irgendwann, wenn ich einmal alt und reich bin, werde ich eine Schokoladekanne besitzen, die den Henkel an der Seite hat. (Man wird doch träumen dürfen, oder etwa nicht?)

Im Neuen Schloss weicht mir ein misstrauisch blickender Museumswärter nicht von der Seite. Als ob ich eins der Kolossalgemälde klauen wollte! Die meisten sind unbeschreiblich hässlich, einzig Pietro da Cortonas Ehebrecherin weckt mein Interesse. Und da ist noch ein zartes Porträt einer alten Frau. Es wird Murillo zugeschrieben. Die Porträtierte ist mit Sicherheit eine Spanierin; Gesichter wie das ihre sieht man in den Straßen von Sevilla zuhauf. Leider stört der Wärter meine Konzentration.

Das alte Schloss zeigt eine Sammlung von Krippen; im weitesten Sinne, tatsächlich handelt es sich um biblische Szenen, die in unterschiedlichen Weltregionen auf sehr unterschiedliche Weise dargestellt wurden. Die erläuternden Texte zu den Exponaten könnten einmal überarbeitet werden. Die Sichtweise ist doch sehr kolonialistisch geprägt, bei jedem Schritt befürchtet man, auf einen Satz über „die Wilden“ zu treffen. Auffällig ist, dass viele Krippen von Frauen geschaffen wurden, oder dass sie zumindest daran mitgearbeitet haben und namentlich erwähnt werden.

Drei Schlösser sind mehr als genug, ich werde zurückkehren und mir einiges noch genauer anschauen müssen.

Miesbach

Prozessionsmobiliar

Täuflinge der vergangenden Monate. Mir gefällt ja der Gedanke, dass Eltern ihr Kind „Mirabella“ nennen.

Wenn ich mich recht erinnere, trug Huckleberry Finns Vater Schuhe, auf deren Absätze Kreuze genagelt waren. Gefunden an der Treppe von der Kirche auf die Pfarrstraße. Vielleicht hat so etwas für Katholiken eine tiefere Bedeutung. Ich weiß es aber nicht.

Mehr Bilder aus Miesbach, der Kirche und der Kapelle:

Der Graffito-Engel vom letzten Mal wurde verschandelt. Der junge Mann, der die Verschandelung entfernte, ließ freundlicherweise die Engelsflügel da, auf dass der Engel auch weiterhin die Reisenden behüten möge.

Schaftlach -> Gmund

Am Bahnhof zuerst nach links und dann am Friedhof vorbei, sagt die Wegbeschreibung, aber links ist kein Weg. Ich schaue in alle Richtungen und sehe etwas entfernt einen Hinweis auf einen Radweg in Richtung Gmund. Nun gut, ich bin kein Rad, aber ich folge dem Wegweiser trotzdem. Am Wegrand entdecke ich ein geschnitztes, wunderschön bemaltes Kruzifix, traue mich aber nicht, es zu fotografieren. Vielleicht beim nächsten Mal.

In Schaftlach gibt es schöne Gärten, einen Zahnarzt, Metzger, Bäcker und anscheinend auch sonst alles, was man zum Leben braucht. (Vielleicht sollte ich umziehen und auf Dauer ins Home Office gehen?) Außerdem gibt es einen Hinweis auf eine Kapelle. Auch in der Beschreibung des Wanderwegs wurde eine Kapelle erwähnt, aber woher soll ich wissen, ob beide Male dieselbe gemeint ist? Das ist tiefstes Katholistan, da gibt es wahrscheinlich mehr Kapellen als Klohäuschen. Ich folge also weiterhin dem Radweg nach Gmund, der aber nur allzu bald in eine Bundesstraße einmündet. Auf der einen Seite geht es nach Waakirchen, das ist die falsche Richtung. Die Karte ist nicht sehr deutlich, die schon sichtbaren Silhouetten der Berge sehen für eine Flachländerin wie mich alle gleich aus, und ich bin ja bekanntermaßen ohne Orientierungssinn geboren. Auf gut Glück biege ich in einen Waldweg ein, folge Traktor- und Pferdespuren und lande erst auf einem Holzplatz und schließlich auf einem befestigten Weg, der „Zum Rieder“ führt. Wer oder was „Rieder“ sein mag, er oder es ist auf der Karte verzeichnet. In der Ferne höre ich das Signal eines durchfahrenden Zuges und erinnere mich, dass in der Wegbeschreibung zweimal die Rede von Bahnübergängen ist. Ich und die Bahn, das ist wie Fisch und Wasser, also gehe ich in Richtung des Zugsignals, und siehe da, ich bin auf dem richtigen Weg.

Auf einer Viehweide sehe ich Fleckvieh und Murnau-Werdenfelser(?) und erinnere mich zum xten Mal daran, dass ich etwas über Viehrassen im Voralpenland lernen muss. Was ich nicht über diese Gegend weiß, geht – naja- auf keine Kuhhaut.

Inzwischen ist es warm geworden und unzählige Bremsen schwirren herum. In Fuchsbichl drücke ich mich an einer Hausecke zwischen zwei Holzstapel und entledige mich so unauffällig wie möglich meines Unterhemdes, über das ich in München auf dem Bahnhof noch froh war. In Moosrain passiere ich einen Garten, den ich in jedem Herbst vom Zug aus wegen seiner Asternbeete bewundert habe. Astern gibt es noch nicht, aber Kornblumen und Mohn stehen außen am Zaun. An Dürnbach vorbei gehe ich auf einem schmalen Feldweg. Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt erlaubt ist, da zu gehen, aber irgendjemand scheint den Weg in Ordnung zu halten und für einen landwirtschaftlichen Weg ist er zu schmal und unpraktisch. Ich frage mich, ob es da Kreuzottern gibt und erinnere mich an ein Buch über einen schwedischen oder dänischen Hütejungen, das ich als Kind gelesen habe. Der Junge, der bei der Arbeit stets barfuß ging, musste sich vor Kreuzottern in Acht nehmen. Beim Gehen machte er so viel Lärm wie möglich, um die Schlangen zu verscheuchen.

In Kaltenbrunn frotzeln zwei schon weißhaarige Herren: Ob ich denn kein Fahrrad hätte? Ich grinse nur und gehe weiter. Wie erwartet, genügt das den Herren als Reaktion. Auf dem Weg zum See hinunter sehe ich, dass eine Weide einen neuen Zaun hat und jemand den alten Schlehenbusch abgehackt hat. (Der Frevler möge verflucht sein. Hätte ich doch nur mehr Schlehen gestohlen, als der Busch noch da war.)

Der See scheint wenig Wasser zu haben, die Mangfall ist grün. Der Mangfallsteg muss neu gebaut werden. Ich will ohnehin nicht auf die andere Seite, da ist eine lärmende Gruppe, die kann ich nach der schönen Wanderung gar nicht gebrauchen. In Gmund esse ich ein Eis, dann schlendere ich zum Bahnhof und nehme den Zug nach München.

24.06.2021 Miesbach

Zum ersten Mal seit September verlasse ich München und fahre mit dem Zug nach Miesbach.

Ein leichter Duft nach Landwirtschaft liegt über der Stadt. Ich wundere mich nicht, Miesbach und sein Landkreis bilden ein bedeutendes Zentrum der Viehzucht, seit Max Obermayer, später Wirt in Gmund, 1837 die ersten Simmentaler ins Oberland brachte. (Mit Simmentalern hatte ich im Schülerpraktikum in der 9. Klasse zu tun, vorher kannte ich diese Rasse gar nicht.) Es ist Markt, deshalb mischen sich auch andere Aromen ein: Obst, Gemüse, Kräuter, Käse und Backwaren. Auf dem Markt trägt man Maske und hält Abstand.

Rundherum kleine, feine Geschäfte. Ein Trachtengeschäft scheint schönere und schlichtere Ware anzubieten als die oft etwas überkandidelte Konkurrenz in München oder in Bad Tölz. Nicht, dass Sie mich jemals in einem Dirndl sehen werden, aber die Tücher und Schals, die man zum Dirndl trägt, gefallen mir und lassen sich auch mit vielen anderen Kleidungsstücken kombinieren. Vorerst begnüge ich mich mit den Schaufenstern. Auch Kirchen und Baudenkmäler betrachte ich dieses Mal nur von außen. Ich werde wiederkommen; die Zugfahrt dauert ja nur etwas über 40 Minuten.

In jedem mir neuen Ort schaue ich mir den Friedhof an. Wie man die Toten behandelt, sagt viel über eine Gegend und ihre Bewohner. In Miesbach werden die Toten anscheinend sehr ordentlich gehalten. Über dem Friedhof wacht ein brünetter Christus mit Rasta-Haaren, auf dem Friedhof liegt ein Max S., geb. 1955, an den auch zwei mit Plaketten versehene Parkbänke in der Stadt erinnern. Vielleicht gibt es noch mehr Parkbänke mit seinem Namen, ich habe aber nur zwei gesehen. Neben dem Friedhof liegt das Altersheim, gegenüber ein Bestattungsinstitut. Kurze Wege sparen Zeit und Geld.

Von der Straße, die zum Friedhof führt, geht die Frauenschulstraße ab. Diese führt zum heutigen Berufsschulzentrum, einer ehemaligen Schule für ländliche Hauswirtschaft, im Gebäude der ehemaligen Bergwerksdirektion. Dass in Miesbach seit 1763 Kohle gefördert wurde, war mir neu. ebenso, dass 1882 die erste Stromübertragung von Miesbach nach München gelang. An diese erinnert eine Tafel neben dem oben abgebildeten Brunnen.

Am Bahnhof fällt mir auf der Rückfahrt ein feines Graffito auf, das Engelsflügel zeigt. Der Urheber signiert mit „Drago“, wenn ich es richtig gelesen habe. Was er sich wohl dabei gedacht hat? Soll sein Engel etwa die Reisenden behüten? Es wäre ein schöner Gedanke.