(Un-)verwandt

Ein Hut, wie ihn früher die Viehhändler trugen (oder heute noch tragen?). Spitze Schuhe, feiner Zwirn. Etwas korpulent, mit weichen Bewegungen; den Kopf trägt er sehr hoch. Er sieht mich ohne ein Lächeln an und nickt. Ich nicke ihm ebenfalls zu. Wortlos gehen wir weiter. Ich aber muss hinter ihm her lächeln, lag ich doch richtig mit meiner Vermutung.

Im Garten meiner Großmutter, der jetzt meinem Patenonkel gehört, gibt es nur noch einen Johannisbeerstrauch. einen Stachelbeerstrauch und einen Apfelbaum. Mehr braucht ein alter Mann wohl nicht. Aber Rosen hat er gepflanzt, Mainzer Fastnacht, Gloria Dei und viele andere, die ich gar nicht kenne. Er schimpft über die Arbeit, die ihm die Rosen machen, andererseits weiß er auch, dass Rosen etwas aushalten und sehr unverdrossen blühen können.

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Einen wunderschönen Park hat die Schlossanlage Schleissheim. Es gibt einen Hofgarten, eine Kaskade, die fast wie das Meer rauscht, klug platzierte Sichtachsen und vieles mehr. Da könnte mir eine Geschichte einfallen über einen Gärtner, der eine feine Dame verführt, indem er ihr Geschichten über seinen Garten erzählt. Im Gegenzug erzählt sie ihm vom Meeresufer, an dem sie vor ihrer Heirat lebte und das er nicht kennt… (Wenn Sie die Idee mögen, stehlen Sie sie ruhig. Mir fehlt ja, wie Sie wissen, der Antrieb zum Schreiben. Das hier ist kein Schreiben, sondern nur Spielerei.) Freund B schicke ich ein Foto vom Schloss Lustheim und dem Park. Er fragt, warum keine Leute im Park sind. Ich vermute, weil es ein Werktag und noch früh ist.

Im Schloss Lustheim sehe ich Meißener Porzellan aus dem 18. Jahrhundert, und mir fällt auf, dass einige Muster auch in späteren Zeiten noch verwendet wurden, so zum Beispiel ein komplizierter Goldrand, den ich auch auf dem Geschirr einer Tante gesehen habe. Das Geschirr meiner Tante kann aber frühestens um 1900 entstanden sein und wurde wahrscheinlich an sie vererbt. Zum ersten Mal begegnen mir „Koppchen„, und ich erinnere mich an das Wort „Käppchen“, mit dem meine Mutter in ihrem Dialekt eine Kaffeetasse bezeichnet. Irgendwann, wenn ich einmal alt und reich bin, werde ich eine Schokoladekanne besitzen, die den Henkel an der Seite hat. (Man wird doch träumen dürfen, oder etwa nicht?)

Im Neuen Schloss weicht mir ein misstrauisch blickender Museumswärter nicht von der Seite. Als ob ich eins der Kolossalgemälde klauen wollte! Die meisten sind unbeschreiblich hässlich, einzig Pietro da Cortonas Ehebrecherin weckt mein Interesse. Und da ist noch ein zartes Porträt einer alten Frau. Es wird Murillo zugeschrieben. Die Porträtierte ist mit Sicherheit eine Spanierin; Gesichter wie das ihre sieht man in den Straßen von Sevilla zuhauf. Leider stört der Wärter meine Konzentration.

Das alte Schloss zeigt eine Sammlung von Krippen; im weitesten Sinne, tatsächlich handelt es sich um biblische Szenen, die in unterschiedlichen Weltregionen auf sehr unterschiedliche Weise dargestellt wurden. Die erläuternden Texte zu den Exponaten könnten einmal überarbeitet werden. Die Sichtweise ist doch sehr kolonialistisch geprägt, bei jedem Schritt befürchtet man, auf einen Satz über „die Wilden“ zu treffen. Auffällig ist, dass viele Krippen von Frauen geschaffen wurden, oder dass sie zumindest daran mitgearbeitet haben und namentlich erwähnt werden.

Drei Schlösser sind mehr als genug, ich werde zurückkehren und mir einiges noch genauer anschauen müssen.

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Weiter bloggen oder es lassen?

Kommentare erlauben oder verbieten?

Anderswo böse Unterstellungen. Ich befürchte so etwas demnächst auch hier. Wie lebt man, ohne zu schreiben? Ohne zu tanzen? Manche haben es nie getan. Hatten die das Bedürfnis nicht oder sind die einfach nur viel klüger als ich?

Eine Dame spricht mich an und setzt sich neben mich. Ich habe Lust auf ein wenig Smalltalk. Dann jedoch zieht sie vom Leder: Flüchtlinge, insbesondere die aus Afrika, sind ihr ein Dorn im Auge. Man könne ja nicht mehr ohne Angst U-Bahn fahren. Ich möchte ihr widersprechen, aber gerade fehlt mir jegliche Energie für eine Diskussion. Also lasse ich sie reden – es würde ja doch nichts nützen – und verabschiede mich nach einer Weile höflich.

Die Obdachlose, die tagsüber an der einen Haltestelle schläft, zieht gegen Abend an die andere um. Sie schreit den schwarzen Mann, der sich vor dem Regen unterstellen will, an, er soll weggehen, aber sofort. Eine schwarze Frau sei nett zu ihr gewesen, aber der schwarze Mann soll weggehen. Sie sagt übrigens weder „schwarzer Mann“ noch „schwarze Frau“. Wieder greife ich nicht ein. Die Schwächsten unserer Gesellschaft attackieren einander. Soll ich unten auf der Straße antraben, wie früher das „Fräulein von der Fürsorge“? Ich bleibe auf meinem Balkon und beobachte, wie der schwarze Mann das Feld räumt.

Eine Mutter mit Kinderwagen steht an der Treppe zur U-Bahn. Steht nur da, sieht sich nicht um, bittet auch nicht um Hilfe. Vielleicht wartet sie auf den Vater, vielleicht wartet sie doch darauf, dass ihr jemand hilft. Mir ist schwindelig, ich fürchte, mitsamt Kind und Wagen die Treppe hinunterzufallen. Also gehe ich vorbei. Ich schäme mich für meinen Schwindel und ich schäme mich, weil ich nicht geholfen habe.

Ich muss an Victoria Thérame denken, die den schönen blonden Jungen am Montmartre nicht „für die Fabrikarbeit resozialisieren“ wollte. Die Motive fürs Nicht-Eingreifen sind vielfältig.

Die Menschen sind gut, aber die Leute schlecht, soll der von mir innig gehasste Karl Valentin sinngemäß gesagt haben. (Ich schließe mich nicht aus, ich gehöre wohl definitiv zu den Leuten.)

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Ich träume, meine Mutter riefe nach mir. Ich gehe hinunter; aus ihrem Schlafzimmer schießt ein kleines, laut heulendes, in ein Laken gewickeltes Wesen und versteckt sich in einem Winkel. Ich weiß, es ist die Angst, aber ist es meine oder die meiner Mutter? (Das ist die Frage, die ich mir im Traum, nicht in der Realität, stelle.)

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Der Sänger an der Bushaltestelle hat ein neues Repertoire. Er singt nicht mehr „Lobet den Herren“ sondern in schlechtem Italienisch „Dimmi quando“. Die blökende Bocksstimme ist aber während seiner Abwesenheit nicht schöner geworden.

Natalie Amiri berichtet, viele Afghanen hätten sich von den Taliban eine öffentliche Verwaltung ohne Korruption erhofft. Das deckt sich ungefähr mit dem, was Freund B erzählt. Schulen seien auch vor den Taliban sehr islamisch geprägt gewesen. Außerdem erzählt sie von vergeblichen Versuchen, Ortskräfte und andere gefährdete Personen zu evakuieren. Ihre Schilderung macht deutlich, dass die Aufnahme von Ortskräften und gefährdeten Personen in Deutschland möglicherweise nie gewollt war.

Die Taliban, so schreibt sie, durchforsten die social media nach kritischen Äußerungen der eigenen Bevölkerung. Das wäre eine Erklärung dafür, dass Freund B auf Twitter ein anderer zu sein scheint als auf WhatsApp. Kontakte mit EU- oder US-Bürger*innen werden anscheinend nicht gerne gesehen. Da hat sich wohl etwas geändert. Im Sommer und Herbst 2021 hatten die Taliban in den Social Media eine regelrechte Charme-Offensive gestartet.

Aber Freund B hat auch gute Nachrichten. Ich glaube jedoch nicht, dass ich hier davon erzählen darf. Jedenfalls ist er glücklich, und das freut mich.

Der normale Bürobetrieb wird wieder aufgenommen. Ich habe 40% Home Office und 60% Büropräsenz. Auf den sogenannten „Verkehrsflächen“, also Flur, Teeküchen, Toiletten besteht keine Maskenpflicht mehr. Masken sind jedoch erlaubt, teilt die Personalabteilung mit. Ich sehe vereinzelt Maskenträger*innen und ich trage meine derzeit auch noch. Überraschend werde ich diese Woche für meine perfekte Bearbeitung gelobt. Was dahinter steckt, erfahre ich am Tag darauf. Nichts gutes.

In den öffentlichen Verkehrsmitteln, so scheint es, sind Masken optional. Ein Viertel der Passagiere zwischen Neuperlach und der Isarvorstadt geht oben ohne.

Den Mai hätte ich gerne genossen, aber ich hatte mal wieder zu viel Arbeit.

Am Samstag klingelt der Wecker. Ich hatte ihn mir gestellt, weil ich einiges zu erledigen hatte, aber mein erster Gedanke im Halbschlaf war: Muss ich denn schon wieder arbeiten? Das Wort des Tages wurde deshalb „Dummerhaftigkeit“.

Am Sonntag genieße ich den (relativ) ruhigen frühen Morgen. Wieder einmal die frühere Blognachbarin vermissend, mit der ich mich überworfen habe, weil ich mich von einem anderen Blognachbarn nicht öffentlich distanzieren wollte. Man muss das verstehen: Nachbarschaft mit mir ist nicht gut für den guten Ruf. Besser also, man distanziert sich öffentlich von mir. Ich wüsste ja gerne, ob ihr das wieder Zutritt zu den gewünschten Kreisen verschafft hat.

Die österreichischen Buben, auch das Schlagbohrerballett genannt, renovieren immer noch die Wohnung des Herrn von Oben, aber zur Zeit ohne Kreisler-Lieder. Wir müssen ab nächsten Monat wieder 40% unserer Arbeitszeit im Büro verbringen. Versäumen wir Tage, an denen wir Büropräsenz hätten, wegen Krankheit oder Urlaub, so müssen die Bürotage nachgeholt werden, was beweist, dass es eben nicht um Arbeitsleistung sondern um Präsenz geht.

Blogs, in die keiner mehr etwas schreibt, fliegen von meiner Linkliste, behaupte ich. Ganz wahr ist das nicht, einige sind noch da, obwohl seit Monaten oder (in einem Fall) seit Jahren keine neuen Einträge erscheinen.

Ich lese „Afghanistan – unbesiegter Verlierer“ von Natalie Amiri. Sehr weit gekommen bin ich noch nicht, und ich weiß auch nicht, ob sie alles richtig beurteilt, aber Amiri liebt Afghanistan, das spürt man in jedem Satz.

Freund B und ich klären Missverständnisse. Missverständnisse kommen vor, wenn ein Talib und eine europäische Feministin versuchen, trotz allem Freunde zu sein. Freund B schwankt zwischen geistigem Hardlinertum und praktischer Liberalität. Er wünscht sich Frieden, Ruhe und Ordnung um fast jeden Preis und – das muss man verstehen und einbeziehen – freut sich, weil Afghanistan zur Abwechslung einmal kein besetztes Land ist. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass die Taliban in Teilen der afghanischen Bevölkerung Unterstützung finden. Ich will das nicht beurteilen, ich weiß immer noch zu wenig über afghanische Politik und Geschichte. Die Praxis des Überlebens in Afghanistan muss eine andere sein als in Europa.

Am Feiertag telefoniere ich mit Schwesterlein. Unter anderem diskutieren wir den unterschiedlichen Umgang unserer Arbeitgeber mit Home Office, Test- und Maskenpflicht.

Auf dem Balkon bekommt der Lavendel Knospen. Die Erdbeeren färben sich ganz leicht rosa. Der Jasminblütige Nachtschatten, der letztes Jahr pausiert hat, schickt sich auch schon zum Blühen an. Zu früh im Jahr.

Ein schlimmer Montag mit schlimmen Kunden, der eine noch schlimmere Saison als 2021 erahnen lässt. Außerdem ein kleines Passwort-Drama: Am Sonntag hatte ich mein Passwort geändert, weil ich da endlich die nötige Ruhe fürs Ausdenken langer und komplizierter Zeichenfolgen hatte. Am Montag funktioniert das neue Passwort bei allen Anwendungen außer einer. Irgendwann sperre ich mich komplett und darf zum ersten Mal seit Beginn von Pandemie und Home Office die selbstständige Kennwortrücksetzung testen. Hurra, es funktioniert, ganz ohne lange Warteschleifen und despektierliche ITler-Sprüche.

Die Journalistin Shireen Abu Aqleh wurde bei ihrer Arbeit getötet. Wer dafür verantwortlich ist, weiß man noch nicht. Ich kann nicht Partei ergreifen. Wie bei fast allen Konflikten habe ich Freunde auf beiden Seiten. Das liegt in der Familie: wir waren schon immer Grenzgänger, vaterlandsloses Gesindel, das sich hauptsächlich bei Hochzeiten und Beerdigungen trifft. Dabei sind Beerdingungen übrigens deutlich wichtiger, aber das zu erklären würde hier zu weit führen. Auch deshalb treffen die Bilder von der Beerdigung von Shireen Abu Aqleh mitten ins Herz.

Ich frage Freund B nach dem Burka-Erlass der Taliban. Besonders interessiert mich, was seine Frau darüber denkt, aber ich habe keinen direkten Kontakt zu ihr. Er erzählt, dass sie schon als Teenager Nikab getragen habe, wie es in ihrer Heimatregion üblich gewesen sei, und bezieht sich wieder einmal auf eine sehr strenge Auslegung des Koran. Ich weiß zu wenig über die paschtunische Kultur im Allgemeinen und über Bs Familie im Besonderen, um das bewerten zu können oder zu wollen.

In der Firma Mitarbeiterjahresgespräch. Es verläuft zivilisiert. Danach Teammeeting. Susi Südzucker ist beleidigt, weil „Kolleginnen“ (will heißen: servidora), welche um 07.00 Uhr mit der Arbeit beginnen, um 17.00 Uhr nicht mehr im Dienst sind. Ihr selbst ist es andererseits noch nicht gelungen, vor 09.10 Uhr den Computer einzuschalten. Andererseits haben die niederbayerische Nemesis und ich erschreckend viele Gemeinsamkeiten. Ich werde mir einen freundlicheren Namen für sie ausdenken müssen.

Die Hälfte des Monats ist vorbei. Bald kommt der Sommer und mit ihm eine andere Lieblingsblume. Noch blüht der Flieder. Ich kaufe einen grünblaugemusterten Schal.

Das Tagebuchbloggen geht mir auf die Nerven. Ich versuche es wieder mit den Wochenmäandern. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht, dass es diese Kategorie auf dem Vorgängerblog gab.

Inzwischen ist auch die schon länger geplante Zahnbehandlung beendet. (Die kürzlich entzündete Zahnwurzel war natürlich nicht geplant, sonst wäre ich schon früher erlöst gewesen.) Zum Ausgleich tut mir 24 Stunden lang der Nacken weh, weil der letzte der zu behandelnden Zähne ganz hinten im Oberkiefer sitzt und ich in sehr unnatürlicher Haltung verharren musste, damit die Zahnärztin überhaupt dorthin kam.

Hier ist die Sonne zurück; ich kann wieder barfuß am Schreibtisch sitzen. Ansonsten: zu wenig Regen in weiten Teilen Deutschlands. Barfuß am Schreibtisch kann ich nur deshalb sitzen, weil ich diesen Monat noch im Home Office bin. Einmal trage ich sogar einen Rock, aber einen aus schwerem Stoff, der so warm ist wie eine Jeans.

Herr von Oben, der Bauarbeiter im Home Office, ist ausgezogen. Nun wird die Wohnung von Grund auf renoviert, d.h. in puncto Baulärm bleibt alles beim alten. (Ich frage mich heute noch, was Herr von Oben eigentlich getan hat. Musste er noch üben oder nachsitzen, oder hat er sich Steinmetzarbeiten mit nach Hause genommen? Ich werde es nicht mehr erfahren, denn Herr von Oben scheint in den wohlverdienten Ruhestand getreten zu sein.)

Ich kaufe sündteuere Pfingstrosen. Als ich ein Kind war, schnitt meine Großtante im Garten Pfingstrosen und verteilte sie in riesigen Vasen im Haus. Der Duft war unbeschreiblich, die Sträuße ein Sinnbild des Überflusses. Im Garten wucherten die verbliebenen Blumen unverdrossen weiter. Auf dem Balkon treibt der Lavendel aus und will blühen. In den Töpfen mit den bienenfreundlichen Gewächsen wuchert etwas, das sehr außerirdisch wirkt.

Kleinchef hat endlich einen Termin für das Mitarbeitergespräch gefunden. Ich überlege, ihm in aller Freundlichkeit cuatro palabritas claras (ein paar warme Worte) zu sagen.