17.03.2022

Mein Merkzettel beim Online-Buchhändler meines Vertrauens füllt sich. Ich würde ja lieber im Buchladen an der Ecke kaufen, aber meine Wohnung ist klein und die Regale voll. Deshalb gibt es bis auf weiteres nur E-Books. Öffentliche Bücherschränke sind andererseits eine Versuchung, der ich oft zum Opfer falle. Ich hasse Verschwendung, auch wenn es um Bücher geht.

Am Wochenende schlimme Zahnschmerzen. Ein vor Jahren wurzelbehandelter und überkronter Zahn, der eine kleine chronische Entzündung hatte, hat sich nun akut entzündet. Ich gehe zum Notdienst und bekomme ein Rezept für Schmerzmittel und Antibiotikum.

Alles, was ohnehin da war und schlimm war, potenziert sich. Ich sitze wie ein Kaninchen vor der Schlange. Ich engagiere mich für nichts. Das muss sich ändern. Wer weiß, wie lange noch?

Es ist Krieg, schreibt jemand. Ja, irgendwo auf der Welt ist immer Krieg. Dieser hier ist nur näher.

Freund B erzähle ich nichts von meinen Sorgen. Er hat genug eigene.

09.03.2022

Nachts am Schreibtisch friere ich wie ein Schneider. Mit Heizung kann ich nicht schlafen, und sie für die Stunde zwischen zwei und drei Uhr morgens, wenn ich sowieso nie schlafen kann, aufzudrehen, scheint mir wenig rationell. Also friere ich.

Ich hatte ja schon vor ein paar Monaten diesen Gedanken: es wird doch nicht jemand mitten in einer Pandemie einen Krieg anfangen?

Die niederbayerische Nemesis schwärzt mich im Teammeeting an, weil ich mich an eine noch nicht existierende Arbeitsanweisung nicht gehalten habe. Sie übrigens auch nicht, wie der Blick in den Dienstplan verrät. Auch sonst sind die Wortmeldungen unseres jungen High Potentials nicht gerade zielführend, aber dafür um so häufiger und umfangreicher. Tja, nun.

Susi Südzucker hat Angst vor dem Spätdienst. Ja, hatte ich vor vielen Jahren auch, aber ich habe mich bemüht, gelernt und auch einmal einen Rat angenommen. Letzteres ist aber, wie wir wissen, unter Susis Würde. Susi Südzucker scheint inzwischen die besondere Gunst der Gruppenleitung zu genießen. Das war zu erwarten und macht sie noch gefährlicher.

Am Nachmittag gehe ich in der Sonne zum Einkaufen, gieße die Balkonblumen und erledige Haushaltsdinge. Der beste Ex der Welt ist müde, menschenmüde von den vormittäglichen Kund*innen und den nachmittäglichen Musikschüler*innen.

Meine prima hermana (Cousine mütterlicherseits) hat Geburtstag. Wir sind nahezu gleich alt und fast wie Schwestern aufgewachsen. Dann kam das Leben dazwischen. Ich vermisse sie.

07.03.2022

Ich sehe Bilder von jungen Ukrainern und jungen Russen, die in den Krieg ziehen, und ich sehe meine Großonkel. Einer war dabei, dem hatte man eine Stelle als Lehrer irgendwo in Ostpreußen versprochen. Tatsächlich wurde er aber auf einem Flugplatz stationiert. Oder vielleicht auch nicht, ganz klar sind die Umstände nicht. Jedenfalls kam er zurück, aber todkrank, und starb kurz nach Kriegsende. Woran er starb, ist ebenfalls nicht klar.

Zogen einst fünf wilde Schwäne. Fünf, wie die fünf Brüder meiner Großmutter, die die Kindheit überlebten, um als junge Männer in einen Krieg geworfen zu werden, in dem sie nichts zu suchen hatten. Martin, Heinrich, August, Wilhelm, Walter.

Einer hatte nach dem Krieg ein steifes Bein, war aber trotzdem auch noch als älterer Herr ein begehrter Tänzer auf allen Festen.

In der Nacht träume ich, dass ich Putin links und rechts ohrfeige. Ob es ihn in irgendeiner Weise beeindruckt hat, habe ich leider nicht mehr gesehen.

Menschen spenden Kleidung, die sie selbst nicht mehr anziehen würden. Ich spende ja höchst selten Kleidung. Fehlkäufe gibt es bei mir so gut wie nicht. Inzwischen bin ich in einem Alter, wo ich weiß, was mir gefällt und steht. Was ich habe, trage ich, bis es mir in Fetzen vom Hintern hängt, und dann will es keiner mehr haben. Trotzdem wurde ich einmal vom hiesigen Blockwart gemaßregelt, weil ich alte, fleckige, kaputte T-Shirts in der Mülltonne entsorgt hatte. Man könne die doch noch spenden. Nein, so etwas „spende“ ich nicht.

Freund B erzählt, dass seine Schwester ihre Prüfung in Arabisch mit Bravour bestanden hat. „Sie ist unser Stolz.“ sagt er. Sie hat eine der islamischen Schulen besucht, die ein Mitglied der afghanischen Regierung für „ausreichend für Mädchen und Frauen“ hält. Der Lehrplan ist anspruchsvoller als ich vermutet hätte, aber der Abschluss gilt als Hochschulreifezeugnis nur für bestimmte Fächer. Dass sie vermutlich schon vor 2021 eine solche islamische Schule besucht hat, zeigt möglicherweise die Haltung ihrer Familie. Aber was weiß ich, welche Überlegungen afghanische Eltern anstellen müssen, wenn sie ihren Kindern Bildung und Sicherheit bieten wollen. Die Taliban, heißt es, waren auch zwischen 2001 und 2021 nicht weg, und sollen auch in dieser Zeit Mittel und Wege gefunden haben, Druck auszuüben.

03.03.2022

Heute hätte meine Großtante G, das Fräulein Doktor der Volkswirtschaft, Geburtstag.

In diesen Tagen, unter dem Eindruck des Angriffs auf die Ukraine, muss ich häufig an Federico García Lorca denken.

„Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ sagte Margot Kässmann. Meiner Erfahrung nach zieht Gott die Hand manchmal auch einfach weg. Übrigens, die Kriegsopfer, Hungernden, Obdachlosen dieser Welt hätten sich über eine schützende, bewahrende Hand auch gefreut.. Da ziehe ich Ernst Wiechert vor, der davon spricht, was passiert, wenn Gott einmal die Hand auf den Tisch stützt, nämlich nichts Gutes. Wenn Sie es selbst nachlesen wollen: es steht in „Die Jerominkinder“.

Als ich zur Mülltonne gehen will, steht die Dame aus Odessa völlig verwirrt vor der Nachbarwohnung und will aufschließen. Ich schaffe es nicht, ihr zu erklären, dass sie im ersten Stock wohnt und nicht im Dritten. Schließlich hole ich die russische Nachbarin zu Hilfe, aber trotz gemeinsamer Sprache kommen sie nicht zueinander. Ein anderer Nachbar, ehemaliger Altenpfleger, klemmt sich die Dame aus Odessa schließlich unter den Arm und gemeinsam geleiten wir sie die Treppe hinunter. Seltsam, bisher hatte ich sie nicht als verwirrt in Erinnerung. Vielleicht ist das alles ein bisschen viel für sie. In ihrer Wohnung läuft eine ukrainische Fernsehsendung, die nach Talkshow aussieht. Da Herr M, der ehemalige Altenpfleger, Besorgnis geäußert hat, werfe ich einen kurzen Blick in die Wohnung. Nichts ist verwahrlost, die Medikamente ordentlich auf einem Tablett aufgereiht. Vielleicht ist es nur eine momentane Verwirrung gewesen. Ich werde in der nächsten Zeit ab und zu nach ihr sehen.

Freund B, dem Wirtschaftswissenschaftler, erzähle ich vom Fräulein Doktor der Volkswirtschaft. Die kleine Münze der Völkerverständigung, vielleicht bewirkt sie etwas.

02.03.2022

Der Sohn der Dame aus Odessa ist in Deutschland. Ich hätte nicht gedacht, dass sie alt genug ist, einen sechzigjährigen Sohn zu haben. Vielleicht ist er auch jünger und auf anderen Wegen nach Deutschland gekommen, wer weiß das schon. Auf jeden Fall einer weniger, der in Gefahr ist.

An der Bushaltestelle unterhalten sich Männer in einer slawischen Sprache. Ich weiß nicht, ob es vielleicht Russisch oder Ukrainisch ist. Einer ruft mir „Guten Morgen“ zu, aber es ist schon Nachmittag. Er hat getrunken, ich reagiere nicht. Hinterher schäme ich mich. Vielleicht säuft er sich nur die Verzweiflung weg.

Auf Twitter berichtet eine Ukrainerin von den jungen russischen Soldaten, die ziemlich ahnungslos in diesen Krieg gestolpert seien. Die Seemannsmission erzählt von russischen und ukrainischen Seeleuten, die zusammen trinken und weinen. Ich muss an meine Oma L denken, die Ehemann und Bruder, und an meine Oma M, die gleich mehrere jüngere Brüder an den Krieg verlor. Ich verzeihe nicht. Ich verzeihe keinem, der zu Hause im Sessel sitzt und junge Menschen in den Tod schickt.

Ich suche ein Zitat von García Lorca, kann es aber weder finden noch mich erinnern. Der Wortlaut fällt mir weder auf Spanisch noch auf Deutsch ein. Es ging zwar um Blutrache, aber es hätte auch hier gepasst,

28.02.2022

Nach Wochen der Schlaflosigkeit endlich einmal wieder ausreichend geschlafen. Ich kann es noch, denke ich mir, wohl wissend, dass die nächste Nacht wieder anders aussehen kann. (Keine Tipps, bitte, ich kenne sie alle.)

Gewisse Gedanken in punkto Putin und Krieg erlaube ich mir nicht. Wenn ich sie mir doch erlaube, schreibe ich sie hier nicht nieder. „Niederschreiben“ klingt übrigens seltsam, wenn man vor einem Laptop sitzt. Die Fläche, auf der die Buchstaben erscheinen, richtet sich ja schräg nach oben.

Das Mütterlein erlaubt sich keine Angst. So ist das Mütterlein. Das hat sie übrigens von ihrer Mutter.

Auf Twitter spotten einige schon über Putins bevorstehende Niederlage, und ich denke mir, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Trotzdem finde ich die riesige Welle der Solidarität beeindruckend.

27.02.2022

Putin droht mit Konsequenzen für Staaten, die die Ukraine unterstützen und lässt durchblicken, dass er von Atomwaffen spricht.

Zum gestrigen Gerücht über afrikanische Student*innen, die man an der Flucht aus der Ukraine hindert, hier ein Artikel aus dem Berliner Kurier. .

Am Abend ist ein feines Stadtgeläut zu hören, und zum ersten Mal in all den Jahren muss ich mich nicht über unsauberen Anschlag und – wie es Bettine von Arnim ausdrückte – grobe Disharmonien zur höheren Ehre Gottes ärgern. Aber was die Änderung bewirkt hat, weiß ich nicht. Es scheinen mehrere Kirchen in der Gegend beteiligt zu sein, Sankt Antonius aber nicht.

Ich blättere durch Herbert Brödls Erzählung vom „Lustigen Peter“.

26.02.2022

Bald wird mein liederlicher Onkel begraben. Er hat sich ein anonymes Begräbnis gewünscht. Dazu muss (zumindest hier in München) die Urne zehn Jahre lang aufbewahrt werden, erst dann darf sie in die Erde. Ich habe meine Onkel sehr lieb gehabt, aber er hat durch seinen Lebenswandel und seine Rücksichtslosigkeit vielen Menschen geschadet. Zu Grunde lag wohl eine psychische Erkrankung. Helfen lassen wollte oder konnte er sich nicht. Ich kann deshalb keine Filme mit Harald Juhnke sehen. (Dies bitte nicht kommentieren, es ist zu schmerzhaft.)

Freund B fragt, ob ich schon gefrühstückt habe. Ich erzähle, was man in Deutschland zum Frühstück isst und frage nach seinem Frühstück. Brot und Tee, sagt er, er und seine Familie leben hauptsächlich von Brot und Tee.

Ich folge der Kriegsberichterstattung aus der Ferne und mir fällt eine Zeile aus einem Partisanenlied ein: „Il y a des pays où les gens au creux des lits font des rêves.“ Man lobt die Courage des ukrainischen Präsidenten und schöpft Hoffnung aus Widrigkeiten, die den russischen Soldaten begegnen. So irrational Putin auch erscheinen mag, fürchte ich doch, man darf weder ihn noch das russische Militär unterschätzen.

Manche sind – vom Sofa in Deutschland aus – regelrecht kriegsbesoffen. Das wird aufhören, sollte der Krieg sie am eigenen Hintern packen. Ich bin angewidert, aber nicht nur von den Kriegsbesoffenen, sondern auch von denen, die sich in Banalitäten ergehen. (Gerade ich muss das sagen: dieses Blog ist bekanntermaßen eine einzige Aneinanderreihung von Banalitäten.)

Viel Solidarität mit ukrainischen Flüchtlingen. Man bietet Sofas, Zimmer und sogar Ferienwohnungen an. Andere fragen sich, warum man das nicht schon 2015 getan hat. Die Ukrainer*innen sind weiß und christlich, sagen einige. Eine andere mögliche Erklärung, die mir lieber ist: man hat in 2015 das Elend der aus Syrien Geflüchteten hautnah mitbekommen und will es dieses Mal besser machen.

Aus Polen und der Ukraine Gerüchte: man habe in der Ukraine lebenden schwarzen Flüchtlingen den Grenzübertritt nach Polen verwehrt. Begründung sei gewesen, dass ukrainische Staatsbürger*innen Vorrang hätten. Ob es wahr ist, weiß ich nicht.

25.02.2022

Es fällt mir schwer, besonnen zu bleiben. Nicht in Panik zu verfallen angesichts der Hybris des russischen Präsidenten. Ich frage mich, wie dieser sich ohne Gesichtsverlust zurückziehen könnte. Herr Hauptschulblues zitiert Matthias Claudius, der begehrt, „nicht schuld daran zu sein“. Kann man das begehren? Darf man das? Ist man nicht immer mitschuldig, auch gegen den eigenen Willen? Nur, weil man da war und zu schwach, um zu helfen?

Aber das kleine Leben geht weiter, hier in Deutschland, wenn man sich auch Sorgen macht um den ukrainischstämmigen Kollegen und die alte Nachbarin, die Sie als „die Dame aus Odessa“ kennen bzw. um deren Familien. Es muss ja auch weitergehen, Schritt für Schritt, einen Fuß vor den anderen. Ich erinnere mich daran, wie ich zu Beginn der Corona-Krise dem Freund, der kein Freund ist, schrieb: „Aber wir halten Stand!“, was mehr ein Befehl an mich selbst als an ihn war. Standhalten ist ja nun auch alles, was simple Menschen wie wir tun können. .

Vor dem Fenster strahlt die Sonne, während ich dies schreibe. Ich erinnere mich an Swetlana Geier, die glaubte, das Ukrainische sei das ursprünglichste, reinste Russisch.

24.02.2022

Man wundert sich allenthalben, dass im Jahr 2022 ein Krieg in Europa möglich ist. Ich wundere mich, dass man sich wundert. Der Mensch hat noch genug Bestie in sich, dass Kriege und Genozide möglich sind. Eigentlich müsste sich der Mensch geändert haben, und zwar zum Besseren, aber wir haben ja an den Coronaleugner*innen und ähnlichem Gelichter gesehen, dass er das nicht getan hat.

Ist es der Preis unserer Mobilität, dass sich einerseits Seuchen schneller verbreiten und andererseits eine Art Nähe entsteht zwischen Menschen in unterschiedlichen Ländern? Gefühlt kennt jede*r jemanden in oder aus der Ukraine.

Ich räume das Tanzstudio aus, bzw. lasse räumen, da die zu entsorgenden Dinge nicht mehr unter „haushaltsübliche Mengen“ fallen. Es ist gut so wie es ist.

Danach hänge ich am Radio und an Twitter, bis ich es nicht mehr aushalte.

Freund B wünscht sich Versöhnung zwischen Taliban und anderen Gruppen in Afghanistan. Ich würde mir für Afghanistan noch einige andere Dinge wünschen, aber so weit ist Freund B noch nicht, fürchte ich. Die Universität Kabul öffnet im März, erzählt er mir, und zwar für Studenten und Studentinnen. Wir werden sehen.