Mit Freund B spreche ich über den bevorstehenden Winter. „Wer Geld hat, heizt mit Kohle oder hat eine Zentralheizung. Alle anderen holen gerade die Steppdecken heraus“, erzählt er. Ich erinnere mich an einen afghanischen Film, den man zu anderen Zeiten als neorealistisch bezeichnet hätte, in dem die Familie, in Steppdecken gewickelt, beim Essen saß. Ich erzähle ihm vom Haus meiner Großeltern, einem Haus ohne Heizung, aber mit einem großen, alten Ofen in der Küche. Meine andere Großmutter hatte ein Haus mit Zentralheizung, aber für alle Fälle noch einen kleinen, gusseisernen Ofen im Wohnzimmer. Der Ofen steht jetzt im Keller bei meiner Mutter und er funktioniert noch.

Ist Ihnen aufgefallen, dass in der U-Bahn alle nur noch aufs Handy starren? Oder ist das nur in München so? Ich tue es ja auch, z.B. um in einer App die Tageszeitung zu lesen. Vermutlich ist mir deshalb der eine Mann aufgefallen, der mit dem Buch aus der Bibliothek.

Das Mütterlein hat mir seinen Weihnachtswunsch mitgeteilt: eine Spende in ihrem Namen an eine Organisation, deren Arbeit sie schon seit Jahren unterstützt. Sie wünscht sich nichts Materielles mehr, sie hat alles.

Im Büro intensive Arbeit. Ich arbeite zügig, hetze mich aber nicht mehr. Den Anspruch, die Welt zu retten, habe ich mir in den letzten zwei Jahren abgewöhnt.

Auf dem Lieblingsweg

Ich weiß nicht, wann auch in tieferen Lagen Schnee fallen wird, deshalb nutze ich den Sonntagvormittag, um noch einmal den Lieblingsweg zu gehen. Dieses Mal biege ich jedoch in Richtung Waldhöfe und Grund ab. An den Waldhöfen steht ein Bank in der Sonne, da mache ich Rast. Es ist windig, aber die Sonne scheint. Die Kombination aus meinem dünnen Pullover aus Unizeiten und einem Fleece-Hoodie hält ausreichend warm; für alle Fälle habe ich aber noch meine graue Jacke dabei, die der feine kleine Herr beim letzten Mal für einen Trachtenjanker gehalten hat. Der feine kleine Herr war heute nicht zu sehen. Allerdings hatte mein Zug Verspätung, so dass ich den Herrn möglicherweise schlicht verpasst habe.

Grund lag heute in der Sonne und schien weit weniger unheimlich. Vielleicht habe ich mich aber auch nur daran gewöhnt. Wieder einmal bleibt mein Auge an einem Namen auf der Gedenktafel hängen: Sepp, Bauer am Rain. War der Familienname nicht bekannt? Es gibt anderswo Höfe, die mehrmals den Besitzer gewechselt haben, und deren Bewohner beim Namen eines früheren Hofbesitzers oder aber gleich beim Hofnamen genannt werden. Wie das aber im Landkreis Miesbach gehandhabt wird, weiß ich nicht. Dieser Landstrich ist mir fremd (und trotzdem ist er mir ans Herz gewachsen, obwohl ich das nie wollte). Ein Waldhofer war übrigens auch bei dem Angriff auf den Jäger dabei.

Auf den meisten Weiden steht kein Vieh mehr. Ich sehe einen Bussard und rieche einen Fuchs.

Kurz vor der Kläranlage will ich eigentlich in den Wald abbiegen, um diese Gmunder Riechenswürdigkeit zu umgehen, aber der Weg ist heute gesperrt. Ich probiere es mit der nächsten Abzweigung. Auf der Karte ist sie nicht eingezeichnet, aber das Handy hilft. Der Weg ist landschaftlich schön, aber wohl kein offizieller Wanderweg. Er ist nass, sumpfig und mit Holzprügeln bedeckt, was das Einsinken im weichen Boden verhindert. Eine Zeitlang gehe ich oberhalb der Mangfall, dann endet der Weg an einem steilen Abhang. Steil heißt in diesem Fall, dass ich die letzten Meter auf meinem Hintern hinunterrutsche. Ich hoffe, dass mich keiner gesehen hat, aber wenn doch: ich bin bekanntermaßen eine komische Alte, was man auch inzwischen sieht, deshalb ist es nicht so schlimm. Ein gewisses Alter und ein dezenter, wenn auch manifester Irrsinn verleihen Freiheit.

Ich melde mich auf Instagram an, um die Beiträge einer Bloggerin zu lesen, die nur dort zu lesen sind. Dabei bemerke ich mit Entsetzen, dass mir nicht nur der Account eines Kollegen angezeigt wird, sondern auch der meiner Schwester (von dem ich nichts wusste). Schwesterlein hat ihren Account auf privat gestellt, was ich ihr sogleich nachmache. Woher weiß Instagram von einer Verbindung zwischen mir und den genannten Personen? Menschen, die ich privat kenne, meide ich im Internet und umgekehrt auch. Schwesterlein und ich haben je ein Privatleben, und das soll auch so bleiben. Was den Kollegen betrifft: wo der ist, sind wahrscheinlich noch mehr, was ein triftiger Grund ist, sich auf Instagram bedeckt zu halten.

Die neue Telefonsoftware hat den Praxistest bestanden, allerdings erst im zweiten Anlauf. Drei Stunden lang ging gestern gar nichts, dann funktionierte es doch, aber der Zusammenhang zwischen der Anleitung und der Realität war – wie so häufig bei unserer IT – nicht so leicht zu erkennen. Immerhin, nach zwei Jahren Pandemie haben wir nun auch die Hoffnung auf professionelle Telefonie im Home Office. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.

Freund B schockiert mich. Er ist aber der, der er ist, mit allen Widersprüchen.

Ich bin zu faul, um zu Mastodon zu wechseln. Ja, auch ich habe dort einen Account erstellt, aber wird es da besser sein? Sollte Twitter irgendwann noch unerträglicher werden oder schließen, wird es eventuell nur noch dieses Blog geben. Ich habe nur noch wenig Lust auf social media.

Zum ersten Mal den Wintermantel getragen. Vor zwei Wochen dachte ich, dass es sicher bald doch noch kalt werden würde und brachte ihn in die Reinigung. Das war wohl eine meiner gescheiteren Ideen, denn jetzt ist es kalt. Eine wärmere Wanderjacke werde ich auch brauchen.

Frühdienst im Büro, nicht im Home Office. Nach einer Woche Urlaub quillt der Postkorb über, meist problematische Fälle oder Regresse. Mir ist es allerdings lieber, die Problemfälle selbst zu bearbeiten, denn ich bin schon einige Male aus dem Urlaub gekommen und habe meine Akten nicht wiedererkannt. („Schuld“ war allerdings immer ich, denn außer mir sind bekanntermaßen alle unfehlbar.)

Dafür zwei Lieblingskolleg*innen im Büro, und ein Praktikant, der sich anscheinend große Mühe gibt. Für Gelächter sorgt ein Anwalt, der so einen Unsinn schreibt, dass sogar ich als Nicht-Juristin den Unsinn bemerke.

Auf dem Heimweg eine Waage gekauft, das billigste Modell. Eine Personenwaage, ich hatte nämlich keine. Meine Küchenwaage ist 80 bis 100 Jahre alt. Letzteres nennt man wohl nachhaltig.

Die U-Bahnen werden wieder voller, die Maskendichte ist unterschiedlich. Ein Muster erkenne ich noch nicht. Nur freitagabends tragen regelmäßig die wenigsten noch Maske.

Auf dem Grabstein hockt eine Rabenkrähe, und ich muss an Edgar Allan Poe denken. Die Sonne ist im Sinken begriffen. Kein gutes Licht für Fotos. Das Grab der Marie Louise Mendel (von Larisch-Wallersee, wenn Sie wollen) und das ihres Vaters sind üppig geschmückt. Kalt ist es nicht in diesem November.

Ein Satz in einem Film genügt, um schlimme Erinnerungen zu wecken.

Die Dame aus Odessa hat einen Ehemann, der sie regelmäßig besucht, aber nicht bei ihr wohnt. Er muss nicht in der Ukraine sein, er ist zu alt, um zu kämpfen. Es sind russischsprachige Ukrainer; wo ihre Sympathien liegen, weiß ich nicht und frage ich auch nicht. (Aber die Institution der Besuchsehe fand ich schon immer sehr fortschrittlich. Wäre ich zur rechten Zeit auf die Idee gekommen, hätte ich vermutlich doch geheiratet.)

Der geschwätzige Nachbar fängt regelmäßig den Briefträger ab, sackt die Post ein, um sie dann mitsamt Kommentaren zu verteilen. Ich werde mir einen Liebhaber zulegen müssen, der mir skandalöse Post schickt, sonst werde ich des Nachbarn nicht Herr..

Erster Schnee

Am See spaziert.

Dank Schienenersatzverkehr und akuter Wanderunlust war die Anreise länger als die eigentliche Wanderung. Der Herbstwald ist noch wunderschön. Für das nächste Jahr habe ich mir gemerkt, wo Brombeeren stehen. Auf den höchsten Bergen liegt Schnee. Ich sende dem Freund, der kein Freund ist und der den See liebt, ein Foto, aber es ist nicht besonders gut geworden.

Begegnet sind mir zwei weitere mittelalte, schnell gehende Damen, ein Altbauer, der aus einem Bach trank, und diverse Touristengrüppchen. Keine Füchse, keine Fasane, und das übellaunige Rindvieh, dem ich bei einer früheren Wanderung begegnet bin, stand dieses Mal sicher hinter einem Weidezaun. Es ist ein sehr schöner, kräftiger, und nahezu weißer Ochse, aber er hat ein schiefes, abgebrochenes Horn, was ihm einen verwegenen Anstrich verleiht. Ich musste an eine Geschichte denken, die in den Dörfern kursiert, aber nicht in den hiesigen: Während des Gottesdienstes pflegten die Altbauern auf der Empore zu sitzen und ihre Angelegenheiten zu verhandeln. Den Organisten hatte dies schon lange gestört. Eines Tages versuchte er wieder, die Altbauerngespräche mit seinem Orgelspiel zu übertönen, was aber anscheinend nicht gelang. Zornig spielte er immer lauter, die Altbauern wurden ebenfalls lauter – man muss sich ja bei dem Gedudel hören können – und machte plötzlich eine Pause. In die Pause ertönte eine laute Stimme: „Un min Osse hot ´’n schaibes Horn! (Und mein Ochse hat ein schiefes Horn!). Es soll danach für eine Weile betretenes Schweigen auf der Empore geherrscht haben. So etwas passiert, da in den Dörfern hinter dem Wald.