Auf dem Lieblingsweg

Ich weiß nicht, wann auch in tieferen Lagen Schnee fallen wird, deshalb nutze ich den Sonntagvormittag, um noch einmal den Lieblingsweg zu gehen. Dieses Mal biege ich jedoch in Richtung Waldhöfe und Grund ab. An den Waldhöfen steht ein Bank in der Sonne, da mache ich Rast. Es ist windig, aber die Sonne scheint. Die Kombination aus meinem dünnen Pullover aus Unizeiten und einem Fleece-Hoodie hält ausreichend warm; für alle Fälle habe ich aber noch meine graue Jacke dabei, die der feine kleine Herr beim letzten Mal für einen Trachtenjanker gehalten hat. Der feine kleine Herr war heute nicht zu sehen. Allerdings hatte mein Zug Verspätung, so dass ich den Herrn möglicherweise schlicht verpasst habe.

Grund lag heute in der Sonne und schien weit weniger unheimlich. Vielleicht habe ich mich aber auch nur daran gewöhnt. Wieder einmal bleibt mein Auge an einem Namen auf der Gedenktafel hängen: Sepp, Bauer am Rain. War der Familienname nicht bekannt? Es gibt anderswo Höfe, die mehrmals den Besitzer gewechselt haben, und deren Bewohner beim Namen eines früheren Hofbesitzers oder aber gleich beim Hofnamen genannt werden. Wie das aber im Landkreis Miesbach gehandhabt wird, weiß ich nicht. Dieser Landstrich ist mir fremd (und trotzdem ist er mir ans Herz gewachsen, obwohl ich das nie wollte). Ein Waldhofer war übrigens auch bei dem Angriff auf den Jäger dabei.

Auf den meisten Weiden steht kein Vieh mehr. Ich sehe einen Bussard und rieche einen Fuchs.

Kurz vor der Kläranlage will ich eigentlich in den Wald abbiegen, um diese Gmunder Riechenswürdigkeit zu umgehen, aber der Weg ist heute gesperrt. Ich probiere es mit der nächsten Abzweigung. Auf der Karte ist sie nicht eingezeichnet, aber das Handy hilft. Der Weg ist landschaftlich schön, aber wohl kein offizieller Wanderweg. Er ist nass, sumpfig und mit Holzprügeln bedeckt, was das Einsinken im weichen Boden verhindert. Eine Zeitlang gehe ich oberhalb der Mangfall, dann endet der Weg an einem steilen Abhang. Steil heißt in diesem Fall, dass ich die letzten Meter auf meinem Hintern hinunterrutsche. Ich hoffe, dass mich keiner gesehen hat, aber wenn doch: ich bin bekanntermaßen eine komische Alte, was man auch inzwischen sieht, deshalb ist es nicht so schlimm. Ein gewisses Alter und ein dezenter, wenn auch manifester Irrsinn verleihen Freiheit.

20.12.2021

Ein Sonntag ohne Pandemiespaziergang. Einer fand dafür am Samstag statt, einer am Montag, aber beide ohne Bilder. Am Montag waren es eigentlich zwei. Ich musste an vier Stellen vorsprechen, um eine Sache zu erledigen. Zur Zeit laufe ich fast überall hin. Das kostet Zeit, ist aber eine Entschädigung für den derzeitigen Mangel an Bewegung. In vollen Zügen an den See fahren mag ich gerade nicht.

Ich spende an verschiedene Organisationen für Afghanistan, afghanische und hiesige. Wie seriös die einzelnen Organisationen sind, wie viel von dem gespendeten Geld in der Verwaltung oder durch Korruption irgendwo anders versickert, vermag ich nicht zu beurteilen. Western Union sagt, derzeit könne man zwar Geld nach Afghanistan senden, es sei jedoch nicht sicher, ob es vor Ort tatsächlich ausgezahlt werde. Ich riskiere es trotzdem, dieses eine Mal. Im Januar sehen wir weiter. (Ich werde hier keine Organisation empfehlen, hinterher bin ich schuld. Aus welchem Fenster ich mein Geld werfe, ist meine Sache, Sie müssen diese Entscheidung auch je nach Situation und für sich selbst treffen.)

Wenig weihnachtliche Stimmung. Eine Plätzchensorte gebacken, die ich schon als Grundschulkind backen konnte. Trotz derart langjähriger Übung missrät sie mir zum ersten Mal. Macht nichts, Zutaten schmecken auch, sagte Oma L., die Hauswirtschaftslehrerin. Oma M. hätte vermutlich gesagt: Allmächtiger! Das war das, was bei Oma M. einem Fluch am nächsten kam.

21. Woche

Das Maßhalten werden wir in den nächsten Jahren wieder lernen müssen. Weniger Auto, weniger Fleisch und Fisch, weniger Wohnraum. Unsere Unvernunft und die Ausbeutung des Planeten und seiner Geschöpfe auf das absolut notwendige Minimum zurückfahren.

Für den Urlaub kaufe ich einen Badeanzug mit Beinchen. So schön wie der von Frau Lakritze ist er allerdings nicht. Aber er hat Beinchen.

Da es so scheint, als werde das schöne Wetter nicht allzu lange halten, fahre ich zum See und spaziere auf meinem Lieblingsweg von Agatharied nach Gmund. Ich sehe einen Bussard, ein Rotschwänzchen, eine Mehlschwalbe, einen Distelfink(?) und vier Aurorafalter. Der Feuerwehrmann warnt vor schlechtem Wetter am Nachmittag und beschwert sich über die Unzuverlässigkeit hundertjähriger Kalender.  Die Wiesen blühen, die Sonne brennt und ich überquere gleich zwei Kuhweiden. Nicht absichtlich, aber der im vorigen Jahr vom Feuerwehrmann empfohlene Weg führt genau da entlang. Die Rindviecher schauen mich zwar wieder an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, aber da sie gerade beim Verdauen sind, überquere ich beide Weiden ohne Kuhhörner im Rücken. Eventuell höre ich im Wald eine ausgebüxte Kuh ohne Glocke oder aber einen Hirsch. Ich sehe aber nicht nach.

Auf meinem Balkon blüht der Thymian. Ich rette ein paar nützliche, aber anscheinend mäßig intelligente Insekten vor einem frühen Tod, indem ich sie mit Hilfe eines Glases und einer Karteikarte wieder aus der Wohnung bugsiere. Hinein kommen sie immer irgendwie, aber dann finden sie den Ausgang nicht mehr.

Es regnet. Ich verwerfe einen Text für eine Blogparade. Und beschließe wieder einmal, mein Leben außerhalb des Internets streng von meinen Internetaktivitäten zu trennen.

Es regnet weiter. Ich sage mir, dass weniger mehr ist und gehe bis auf weiteres  nur noch einmal die Woche zum Flamencotanzen. Die Chancen, dass ich in meinem Alter noch beim Spanischen Nationalballett engagiert werde, sind vergleichsweise gering, also kann ich es auch ruhiger angehen lassen.

Die Isar tritt über die Ufer. Majestätisch und unbeeindruckt schwimmen Schwäne über die Wiese.

In meinem Portemonnaie befindet sich eine neue Plastikkarte. Sie stellt die moderne Version meiner Jahreskarte für den hiesigen ÖPNV dar und ist – entgegen den Angaben auf der Website des hiesigen ÖPNV-Anbieters – schon seit dem 1. Mai 2019 gültig. Da ich den Kontrolleuren und -eusen zutraue, sich doch eher an die Angaben auf der Website zu halten, führe ich das Schreiben, das die tatsächliche Gültigkeit bestätigt, stets mit. Heute morgen stellte sich jedoch ein ganz anderes Problem. Das Kontrollpersonal hat tatsächlich schon die Lesegeräte für die neuen Karten, nur brauchen die Geräte eine Internetverbindung, um lesen zu können. Die war heute morgen in der U-Bahn recht wacklig, wie es schien, und so las das Gerät gefühlt fünf Minuten an der Karte herum, bis Herr Kontrolleur schließlich erleichtert „Zone 1-3“ seufzen konnte.

Gelesen: immer noch Martin Mosebach, Westend.  (Mosebach erzählt so gemächlich, dass man sich beim Lesen dem langsamen Tempo anpassen muss.)

Juna über Judentum und Aneignung.

Frau Fundevogel über schwärmende Bienen.

Gehört: Brass Banda (allerdings weiß ich nicht, wie der Milchpreis gerade steht)