07.02.2022

Die Anzahl der Witwen in meinem Umfeld nimmt zu, und das nicht wegen Corona. Krebs ist eine Ursache, aber es gibt auch andere. Freundin/Kollegin J war vor Jahren die erste, ihr Mann so alt wie ich.

Jeden Morgen um 8 Uhr übt ein alter Mann Klavier in einem Raum der Musikschule. Er spielt nicht gut, aber er lässt sich nicht beirren.

Ein Flaschensammler stochert im Altglas. Eine alte Frau plündert den Altkleidercontainer. Kleidung liegt auf dem Gehweg verstreut. Ich möchte sie bitten, die Kleidung, die sie selbst nicht benötigt, wieder in den Container zu legen, aber welches Recht habe ich, eine alte arme Frau zu maßregeln? Ich könnte anbieten, ihr beim Einräumen zu helfen, aber die Kleider sind jetzt schmutzig und gehören in diesem Zustand nicht mehr in den Container. Die Frau sieht mich an als hätte sie Angst vor meiner Reaktion. Ich gehe weiter, wohl wissend, dass ich damit nichts richtig mache.

Weiterhin lese ich über Afghanistan, was ich nur finde. Die Bildersprache der Taliban zeigt gewisse Gemeinsamkeiten mit der des IS: junge Männer von wildromantischer Schönheit, bei den Taliban gerne mit einer Rose in der Hand, beim IS liebevoll einen Säugling haltend. Letzteres habe ich vor ein paar Jahren diverse Male auf Blogs gesehen, deren Autor*innen junge Frauen animieren wollten, sich einem IS-Kämpfer anzuschließen. (Der Link führt zu einem Video von CNN über das wohl bekannteste dieser Blogs)

Ich esse Blutorangen in rauen Mengen und denke an Sizilien.

Auf Twitter machen sich auch die Luft, die anderswo keiner hören will.

12.01.2022

Krankgemeldet. Der Selbsttest fällt negativ aus. Ich hoffe, das Ergebnis ist korrekt. Nach ein paar Stunden Extra-Schlaf fühle ich mich erheblich besser.

Freund B schreibt. Ihm und seiner Familie geht es nicht gut, aber sie halten stand. Seine Frau braucht demnächst neue Zahnfüllungen, wie ich auch. Im Unterschied zu Freund Bs Frau habe ich Arbeit, eine Krankenversicherung und notfalls Geld genug für eine Zuzahlung. Anderswo heißt es: kein Geld, keine Zahnbehandlung. Das Elend hat viele Gesichter. Ich tue, was ich kann, aber es ist zu wenig. Deshalb hier noch einmal die dringende Bitte: tun Sie etwas gegen das Elend in der Welt. Ich will Ihnen keine Organisation empfehlen, die Verantwortung für Ihr Geld müssen Sie selbst übernehmen, aber es gibt unzählige Länder, in denen Menschen sich eine angemessene Ernährung und medizinische Behandlung nicht leisten können.

An der Bushaltestelle hat sich neue Stammkundschaft eingefunden. Nach den Roma-Großmüttern, den hiesigen Obdachlosen und den hiesigen Trinkern ist nun eine Gruppe russischer Trinker aufgetaucht, deren Grölen bis in den dritten Stock dringt und mich in meiner Konzentration stört, wenn ich arbeite. Auch hier hat das Elend ein Gesicht, aber zumindest ist nicht der überwiegende Teil der Bevölkerung von Hunger bedroht. Wie sich aber Omikron in den Unterkünften der Bauarbeiter und der Arbeiter*innen im Schlachthof verbreiten wird, möchte ich mir am liebsten nicht vorstellen.