Ein dummes Gesicht

hätte ich heute gemacht, wenn ich gestern tatsächlich meinen Laptop im Büro gelassen hätte.

Heute nämlich gönnte sich meine U-Bahn eine mehrstündige Betriebsstörung, was – wenn ich nicht vorsichtshalber auch gestern den Laptop mit nach Hause genommen hätte – dazu geführt hätte, dass ich am einen Ende der Stadt und mein Arbeitsgerät am anderen gewesen wäre.

Beim Einkaufen nach der Arbeit wollte mir die PIN meiner EC-Karte partout nicht einfallen. Zum Glück kenne ich meinen Hang zum Chaos und habe stets auch ausreichend Bargeld dabei. Nach erledigtem Einkauf stellte ich fest, dass ich an alles gedacht hatte, nur nicht an die Milch. Aber Packpapier habe ich; das versuche ich ja schon seit zwei Wochen zu kaufen und vergesse es jedes Mal. Sagen Sie mir nicht, ich soll mir doch einfach einen Zettel schreiben. Den verliere ich. Was ich nicht im Kopf habe, ist weg. So ist das.

Das Thermometer sagt -9 Grad Celsius. Ich habe Spätdienst und drehe gleich nach dem Frühstück eine Runde um den Südfriedhof. Der Mond steht noch am Himmel und taucht gemeinsam mit den Straßenlaternen, deren Schein auf der anderen Seite der Mauer zu erahnen ist, die Grabsteine in ein melancholisches Licht.

Über Nacht habe ich den Gefrierschrank abgetaut. Die Lebensmittel kann ich bei diesen Temperaturen für eine Nacht auf dem Balkon zwischenlagern.

Im Büro ist die Hälfte der Belegschaft krank. So muss ich ganztägig anderswo einspringen, nicht nur halbtags wie sonst. Meine eigene Arbeit bleibt wieder einmal liegen. Ich ärgere mich über eine Kollegin, die über ein Versäumnis (nicht meins) lamentiert, anstatt die Akte mit zwei Handgriffen wieder in die richtigen Bahnen zu bringen. Das tue dann ich.

Am Abend ignoriere ich Anrufe von eigentlich lieben Menschen, deren Ansprüche an mich aber im Moment zu viel sind. Weiterhin denke ich über Freund B nach.

Meinen Twitteraccount wickele ich in diesen Tagen ab. Weniger wegen Elon Musk, den man sicher im Auge behalten sollte. Mir ist Twitter inzwischen zu viel. Meine winzige Nische auf Mastodon soll ein Neuanfang sein, weniger Menschen, mehr Literatur und Sprache. Einigen geschätzten Twittergeschwistern begegne ich dort wieder, zwei sehr geschätzte haben mir sogar ihre E-Mail-Adressen geschickt, worüber ich mich besonders freue. Manche haben Blogs, denen ich hier folge. Andere scheinen nicht unbedingt Kontakt halten zu wollen, aber das ist in Ordnung.

Der größte Fußfallfan im näheren Büroumfeld ist irritiert über die Haltung der deutschen Mannschaft. Es wundert mich, kenne ich doch seine sonstige Haltung. Aber vielleicht ist auch für ihn das Maß nun voll. Ich äußere mich nicht

Susi Südzucker beklagt sich, dass ein Kunde aus Schleswig-Holstein sie nicht versteht. Ich rufe den Kunden zurück. Er spricht gemäßigtes Platt, durchaus verständlich. Hinterher schicke ich ihr eine Nachricht, dass sie eben nicht Schwäbisch mit solchen Kunden sprechen darf, wenn sie verstanden werden will. Ich formuliere es scherzhaft, aber sie begreift nicht.

Auf dem Heimweg kaufe ich einen Kalender für 2023. Die App auf dem Handy nutze ich nicht mehr, die ist mir zu langsam und zu unübersichtlich. Vor dem Laden höre ich ein Gespräch zwischen einer alten Dame mit osteuropäischem Akzent und einer muslimischen Familie mit. Die Dame bringt dem sehr kleinen Mädchen bei, „mashallah“ zu sagen. Die Eltern amüsieren sich, die Dame erzählt, dass sie katholisch ist und lange in muslimischen Ländern gelebt hat.

Mit Freund B spreche ich über den bevorstehenden Winter. „Wer Geld hat, heizt mit Kohle oder hat eine Zentralheizung. Alle anderen holen gerade die Steppdecken heraus“, erzählt er. Ich erinnere mich an einen afghanischen Film, den man zu anderen Zeiten als neorealistisch bezeichnet hätte, in dem die Familie, in Steppdecken gewickelt, beim Essen saß. Ich erzähle ihm vom Haus meiner Großeltern, einem Haus ohne Heizung, aber mit einem großen, alten Ofen in der Küche. Meine andere Großmutter hatte ein Haus mit Zentralheizung, aber für alle Fälle noch einen kleinen, gusseisernen Ofen im Wohnzimmer. Der Ofen steht jetzt im Keller bei meiner Mutter und er funktioniert noch.

Ist Ihnen aufgefallen, dass in der U-Bahn alle nur noch aufs Handy starren? Oder ist das nur in München so? Ich tue es ja auch, z.B. um in einer App die Tageszeitung zu lesen. Vermutlich ist mir deshalb der eine Mann aufgefallen, der mit dem Buch aus der Bibliothek.

Das Mütterlein hat mir seinen Weihnachtswunsch mitgeteilt: eine Spende in ihrem Namen an eine Organisation, deren Arbeit sie schon seit Jahren unterstützt. Sie wünscht sich nichts Materielles mehr, sie hat alles.

Im Büro intensive Arbeit. Ich arbeite zügig, hetze mich aber nicht mehr. Den Anspruch, die Welt zu retten, habe ich mir in den letzten zwei Jahren abgewöhnt.

Ich melde mich auf Instagram an, um die Beiträge einer Bloggerin zu lesen, die nur dort zu lesen sind. Dabei bemerke ich mit Entsetzen, dass mir nicht nur der Account eines Kollegen angezeigt wird, sondern auch der meiner Schwester (von dem ich nichts wusste). Schwesterlein hat ihren Account auf privat gestellt, was ich ihr sogleich nachmache. Woher weiß Instagram von einer Verbindung zwischen mir und den genannten Personen? Menschen, die ich privat kenne, meide ich im Internet und umgekehrt auch. Schwesterlein und ich haben je ein Privatleben, und das soll auch so bleiben. Was den Kollegen betrifft: wo der ist, sind wahrscheinlich noch mehr, was ein triftiger Grund ist, sich auf Instagram bedeckt zu halten.

Die neue Telefonsoftware hat den Praxistest bestanden, allerdings erst im zweiten Anlauf. Drei Stunden lang ging gestern gar nichts, dann funktionierte es doch, aber der Zusammenhang zwischen der Anleitung und der Realität war – wie so häufig bei unserer IT – nicht so leicht zu erkennen. Immerhin, nach zwei Jahren Pandemie haben wir nun auch die Hoffnung auf professionelle Telefonie im Home Office. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.

Freund B schockiert mich. Er ist aber der, der er ist, mit allen Widersprüchen.

Frühdienst im Büro, nicht im Home Office. Nach einer Woche Urlaub quillt der Postkorb über, meist problematische Fälle oder Regresse. Mir ist es allerdings lieber, die Problemfälle selbst zu bearbeiten, denn ich bin schon einige Male aus dem Urlaub gekommen und habe meine Akten nicht wiedererkannt. („Schuld“ war allerdings immer ich, denn außer mir sind bekanntermaßen alle unfehlbar.)

Dafür zwei Lieblingskolleg*innen im Büro, und ein Praktikant, der sich anscheinend große Mühe gibt. Für Gelächter sorgt ein Anwalt, der so einen Unsinn schreibt, dass sogar ich als Nicht-Juristin den Unsinn bemerke.

Auf dem Heimweg eine Waage gekauft, das billigste Modell. Eine Personenwaage, ich hatte nämlich keine. Meine Küchenwaage ist 80 bis 100 Jahre alt. Letzteres nennt man wohl nachhaltig.

Die U-Bahnen werden wieder voller, die Maskendichte ist unterschiedlich. Ein Muster erkenne ich noch nicht. Nur freitagabends tragen regelmäßig die wenigsten noch Maske.

Drei Tage pro Woche im Büro, zwei im Home Office. Zwei von der Firma zur Verfügung gestellte Schnelltests pro Woche und eine Packung FFP2-Masken. Auf den Fluren, in den Besprechungen überwiegend maskenfreie Nasen und Münder.

Der Oberchef gibt zu, dass das Pensum der letzten zwei Jahre nicht zu schaffen war. Wir sollen uns aber mehr anstrengen und vor allem dankbar sein, dass wir immer noch teils im Home Office arbeiten dürfen. Nicht, dass das Home Office keine Vorteile für die Firma mit sich brächte. Die sonst umgängliche Kollegin B verliert die Nerven und wird sehr deutlich. Hinter meiner Maske muss ich lächeln, denn sonst bin ich häufig diejenige, die derart deutlich Kritik übt.

Die Tirade, die ich vorbereitet hatte, verkneife ich mir. An den Oberchef ist jedes Wort verschwendet.

Der Corona-Test ist negativ.

Freund B ist Wirtschaftswissenschaftler, kein Philosoph. Einer, der den gemäßigten Taliban immer noch nahe steht, aber Frauenbildung für wünschenswert hält. Der Tod von Mahsa Amini schockiert ihn, der ansonsten ein Befürworter der Vollverschleierung ist und sie aus dem Koran begründen will. Ich bitte ihn, mir die persische Version von Bella Ciao zu übersetzen, die derzeit im Iran gesungen wird, aber er ist überfordert und kann mir nur sagen, dass es um Einigkeit und um das Andenken an Mahsa Amini geht.

Italien hat gewählt. Schlimmer geht anscheinend immer. Ich habe die italienische Politik in den letzten Jahren aus Gründen nicht verfolgt, das sollte ich wohl besser wieder tun.

Sehr, sehr viel beruflicher Stress, der sich inzwischen physisch und psychisch auswirkt.

Als ich aufwache, schreit die alte Obdachlose auf dem Friedhof herum. Sie übernachtet offensichtlich dort, wenn es nicht regnet.

Ab Anfang September wird in der Firma umgebaut. Ich bin also fast den ganzen September im Home Office. Das hat den Vorteil, dass ich während der Wiesn nicht U-Bahn fahren muss. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich es anstelle, dass ich in der Zeit nicht ins Büro muss. Die Wiesn-Zeit ist eine begehrte Urlaubszeit bei den Kinderlosen, die sich nicht an Schulferien halten müssen. Die einen nehmen Urlaub und fliehen aus der Stadt, die anderen, damit sie zwei Wochen hemmungslos durchsaufen können. Das ist übrigens nur leicht übertrieben.

Das jüdische Museum München hat ein Blog, das wusste ich nicht. Dort erinnert man an die 1972 bei dem Attentat ermordeten Menschen: Elf israelische Sportler, ein deutscher Polizist, . Einer war erst 18 Jahre alt, ein anderer hatte fast denselben Familiennamen wie ich. Oder war es derselbe und ein Buchstabe ist bei der Transkription ins moderne Hebräisch verloren gegangen? (Vielen Dank an A., auf deren nicht öffentlichem Blog ich den Link gefunden habe.).

Aus praktischen Erwägungen lande ich beim kleinen Lebensmittelladen an der Ecke, seinerzeit zu Beginn der Pandemie der einzige, der Toilettenpapier hatte. Auf dem Weg dorthin liegen nämlich die Post und die Apotheke und es ist kein Umweg nötig. Die Milch ist einen ganzen Euro teurer als bei der Konkurrenz, Käse und Obst aber ungefähr gleich gestiegen.

Wieder einmal nachdenken über Kommentare und ob ich überhaupt noch welche zulassen will.