Freund B ist Wirtschaftswissenschaftler, kein Philosoph. Einer, der den gemäßigten Taliban immer noch nahe steht, aber Frauenbildung für wünschenswert hält. Der Tod von Mahsa Amini schockiert ihn, der ansonsten ein Befürworter der Vollverschleierung ist und sie aus dem Koran begründen will. Ich bitte ihn, mir die persische Version von Bella Ciao zu übersetzen, die derzeit im Iran gesungen wird, aber er ist überfordert und kann mir nur sagen, dass es um Einigkeit und um das Andenken an Mahsa Amini geht.

Italien hat gewählt. Schlimmer geht anscheinend immer. Ich habe die italienische Politik in den letzten Jahren aus Gründen nicht verfolgt, das sollte ich wohl besser wieder tun.

Sehr, sehr viel beruflicher Stress, der sich inzwischen physisch und psychisch auswirkt.

Als ich aufwache, schreit die alte Obdachlose auf dem Friedhof herum. Sie übernachtet offensichtlich dort, wenn es nicht regnet.

Ab Anfang September wird in der Firma umgebaut. Ich bin also fast den ganzen September im Home Office. Das hat den Vorteil, dass ich während der Wiesn nicht U-Bahn fahren muss. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich es anstelle, dass ich in der Zeit nicht ins Büro muss. Die Wiesn-Zeit ist eine begehrte Urlaubszeit bei den Kinderlosen, die sich nicht an Schulferien halten müssen. Die einen nehmen Urlaub und fliehen aus der Stadt, die anderen, damit sie zwei Wochen hemmungslos durchsaufen können. Das ist übrigens nur leicht übertrieben.

Das jüdische Museum München hat ein Blog, das wusste ich nicht. Dort erinnert man an die 1972 bei dem Attentat ermordeten Menschen: Elf israelische Sportler, ein deutscher Polizist, . Einer war erst 18 Jahre alt, ein anderer hatte fast denselben Familiennamen wie ich. Oder war es derselbe und ein Buchstabe ist bei der Transkription ins moderne Hebräisch verloren gegangen? (Vielen Dank an A., auf deren nicht öffentlichem Blog ich den Link gefunden habe.).

Aus praktischen Erwägungen lande ich beim kleinen Lebensmittelladen an der Ecke, seinerzeit zu Beginn der Pandemie der einzige, der Toilettenpapier hatte. Auf dem Weg dorthin liegen nämlich die Post und die Apotheke und es ist kein Umweg nötig. Die Milch ist einen ganzen Euro teurer als bei der Konkurrenz, Käse und Obst aber ungefähr gleich gestiegen.

Wieder einmal nachdenken über Kommentare und ob ich überhaupt noch welche zulassen will.

Zwei Begegnungen mit geringem Risiko. Vermutlich im Büro oder in der U-Bahn. Realistisch betrachtet sind es wahrscheinlich viel mehr. Die, die die Corona-Warn-App noch nutzen, gehören vermutlich sowieso zu den Verantwortungsbewussteren, die auch Maske tragen.

Im Büro sind die Maskenträger*innen wahrscheinlich im einstelligen %-Bereich. In den öffentlichen Verkehrsmitteln sind es wohl zwei Drittel. Angesichts steigender Zahlen trage ich weiterhin Maske, auch da, wo ich es nicht muss.

Im Juni bin ich mehrmals in vollen Zügen gereist. Da trug noch jeder Maske. Lesen die Leute keine Zeitung?

Irgendwo lese ich: Entsolidarisierung der Gesellschaft. (Wann hat das begonnen? Meiner Ansicht nach schon vor Corona.)

Das Büro macht sich auf nach Absurdistan. Viele Jahre Berufspraxis machen, dass mich das nicht mehr schockiert.

Natalie Amiri berichtet, viele Afghanen hätten sich von den Taliban eine öffentliche Verwaltung ohne Korruption erhofft. Das deckt sich ungefähr mit dem, was Freund B erzählt. Schulen seien auch vor den Taliban sehr islamisch geprägt gewesen. Außerdem erzählt sie von vergeblichen Versuchen, Ortskräfte und andere gefährdete Personen zu evakuieren. Ihre Schilderung macht deutlich, dass die Aufnahme von Ortskräften und gefährdeten Personen in Deutschland möglicherweise nie gewollt war.

Die Taliban, so schreibt sie, durchforsten die social media nach kritischen Äußerungen der eigenen Bevölkerung. Das wäre eine Erklärung dafür, dass Freund B auf Twitter ein anderer zu sein scheint als auf WhatsApp. Kontakte mit EU- oder US-Bürger*innen werden anscheinend nicht gerne gesehen. Da hat sich wohl etwas geändert. Im Sommer und Herbst 2021 hatten die Taliban in den Social Media eine regelrechte Charme-Offensive gestartet.

Aber Freund B hat auch gute Nachrichten. Ich glaube jedoch nicht, dass ich hier davon erzählen darf. Jedenfalls ist er glücklich, und das freut mich.

Der normale Bürobetrieb wird wieder aufgenommen. Ich habe 40% Home Office und 60% Büropräsenz. Auf den sogenannten „Verkehrsflächen“, also Flur, Teeküchen, Toiletten besteht keine Maskenpflicht mehr. Masken sind jedoch erlaubt, teilt die Personalabteilung mit. Ich sehe vereinzelt Maskenträger*innen und ich trage meine derzeit auch noch. Überraschend werde ich diese Woche für meine perfekte Bearbeitung gelobt. Was dahinter steckt, erfahre ich am Tag darauf. Nichts gutes.

In den öffentlichen Verkehrsmitteln, so scheint es, sind Masken optional. Ein Viertel der Passagiere zwischen Neuperlach und der Isarvorstadt geht oben ohne.

Den Mai hätte ich gerne genossen, aber ich hatte mal wieder zu viel Arbeit.

Am Samstag klingelt der Wecker. Ich hatte ihn mir gestellt, weil ich einiges zu erledigen hatte, aber mein erster Gedanke im Halbschlaf war: Muss ich denn schon wieder arbeiten? Das Wort des Tages wurde deshalb „Dummerhaftigkeit“.

Am Sonntag genieße ich den (relativ) ruhigen frühen Morgen. Wieder einmal die frühere Blognachbarin vermissend, mit der ich mich überworfen habe, weil ich mich von einem anderen Blognachbarn nicht öffentlich distanzieren wollte. Man muss das verstehen: Nachbarschaft mit mir ist nicht gut für den guten Ruf. Besser also, man distanziert sich öffentlich von mir. Ich wüsste ja gerne, ob ihr das wieder Zutritt zu den gewünschten Kreisen verschafft hat.

Die österreichischen Buben, auch das Schlagbohrerballett genannt, renovieren immer noch die Wohnung des Herrn von Oben, aber zur Zeit ohne Kreisler-Lieder. Wir müssen ab nächsten Monat wieder 40% unserer Arbeitszeit im Büro verbringen. Versäumen wir Tage, an denen wir Büropräsenz hätten, wegen Krankheit oder Urlaub, so müssen die Bürotage nachgeholt werden, was beweist, dass es eben nicht um Arbeitsleistung sondern um Präsenz geht.

Blogs, in die keiner mehr etwas schreibt, fliegen von meiner Linkliste, behaupte ich. Ganz wahr ist das nicht, einige sind noch da, obwohl seit Monaten oder (in einem Fall) seit Jahren keine neuen Einträge erscheinen.

Ich lese „Afghanistan – unbesiegter Verlierer“ von Natalie Amiri. Sehr weit gekommen bin ich noch nicht, und ich weiß auch nicht, ob sie alles richtig beurteilt, aber Amiri liebt Afghanistan, das spürt man in jedem Satz.

Freund B und ich klären Missverständnisse. Missverständnisse kommen vor, wenn ein Talib und eine europäische Feministin versuchen, trotz allem Freunde zu sein. Freund B schwankt zwischen geistigem Hardlinertum und praktischer Liberalität. Er wünscht sich Frieden, Ruhe und Ordnung um fast jeden Preis und – das muss man verstehen und einbeziehen – freut sich, weil Afghanistan zur Abwechslung einmal kein besetztes Land ist. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass die Taliban in Teilen der afghanischen Bevölkerung Unterstützung finden. Ich will das nicht beurteilen, ich weiß immer noch zu wenig über afghanische Politik und Geschichte. Die Praxis des Überlebens in Afghanistan muss eine andere sein als in Europa.

Am Feiertag telefoniere ich mit Schwesterlein. Unter anderem diskutieren wir den unterschiedlichen Umgang unserer Arbeitgeber mit Home Office, Test- und Maskenpflicht.

Auf dem Balkon bekommt der Lavendel Knospen. Die Erdbeeren färben sich ganz leicht rosa. Der Jasminblütige Nachtschatten, der letztes Jahr pausiert hat, schickt sich auch schon zum Blühen an. Zu früh im Jahr.

Ein schlimmer Montag mit schlimmen Kunden, der eine noch schlimmere Saison als 2021 erahnen lässt. Außerdem ein kleines Passwort-Drama: Am Sonntag hatte ich mein Passwort geändert, weil ich da endlich die nötige Ruhe fürs Ausdenken langer und komplizierter Zeichenfolgen hatte. Am Montag funktioniert das neue Passwort bei allen Anwendungen außer einer. Irgendwann sperre ich mich komplett und darf zum ersten Mal seit Beginn von Pandemie und Home Office die selbstständige Kennwortrücksetzung testen. Hurra, es funktioniert, ganz ohne lange Warteschleifen und despektierliche ITler-Sprüche.

Die Journalistin Shireen Abu Aqleh wurde bei ihrer Arbeit getötet. Wer dafür verantwortlich ist, weiß man noch nicht. Ich kann nicht Partei ergreifen. Wie bei fast allen Konflikten habe ich Freunde auf beiden Seiten. Das liegt in der Familie: wir waren schon immer Grenzgänger, vaterlandsloses Gesindel, das sich hauptsächlich bei Hochzeiten und Beerdigungen trifft. Dabei sind Beerdingungen übrigens deutlich wichtiger, aber das zu erklären würde hier zu weit führen. Auch deshalb treffen die Bilder von der Beerdigung von Shireen Abu Aqleh mitten ins Herz.

Ich frage Freund B nach dem Burka-Erlass der Taliban. Besonders interessiert mich, was seine Frau darüber denkt, aber ich habe keinen direkten Kontakt zu ihr. Er erzählt, dass sie schon als Teenager Nikab getragen habe, wie es in ihrer Heimatregion üblich gewesen sei, und bezieht sich wieder einmal auf eine sehr strenge Auslegung des Koran. Ich weiß zu wenig über die paschtunische Kultur im Allgemeinen und über Bs Familie im Besonderen, um das bewerten zu können oder zu wollen.

In der Firma Mitarbeiterjahresgespräch. Es verläuft zivilisiert. Danach Teammeeting. Susi Südzucker ist beleidigt, weil „Kolleginnen“ (will heißen: servidora), welche um 07.00 Uhr mit der Arbeit beginnen, um 17.00 Uhr nicht mehr im Dienst sind. Ihr selbst ist es andererseits noch nicht gelungen, vor 09.10 Uhr den Computer einzuschalten. Andererseits haben die niederbayerische Nemesis und ich erschreckend viele Gemeinsamkeiten. Ich werde mir einen freundlicheren Namen für sie ausdenken müssen.

Die Hälfte des Monats ist vorbei. Bald kommt der Sommer und mit ihm eine andere Lieblingsblume. Noch blüht der Flieder. Ich kaufe einen grünblaugemusterten Schal.

Das Tagebuchbloggen geht mir auf die Nerven. Ich versuche es wieder mit den Wochenmäandern. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht, dass es diese Kategorie auf dem Vorgängerblog gab.

Inzwischen ist auch die schon länger geplante Zahnbehandlung beendet. (Die kürzlich entzündete Zahnwurzel war natürlich nicht geplant, sonst wäre ich schon früher erlöst gewesen.) Zum Ausgleich tut mir 24 Stunden lang der Nacken weh, weil der letzte der zu behandelnden Zähne ganz hinten im Oberkiefer sitzt und ich in sehr unnatürlicher Haltung verharren musste, damit die Zahnärztin überhaupt dorthin kam.

Hier ist die Sonne zurück; ich kann wieder barfuß am Schreibtisch sitzen. Ansonsten: zu wenig Regen in weiten Teilen Deutschlands. Barfuß am Schreibtisch kann ich nur deshalb sitzen, weil ich diesen Monat noch im Home Office bin. Einmal trage ich sogar einen Rock, aber einen aus schwerem Stoff, der so warm ist wie eine Jeans.

Herr von Oben, der Bauarbeiter im Home Office, ist ausgezogen. Nun wird die Wohnung von Grund auf renoviert, d.h. in puncto Baulärm bleibt alles beim alten. (Ich frage mich heute noch, was Herr von Oben eigentlich getan hat. Musste er noch üben oder nachsitzen, oder hat er sich Steinmetzarbeiten mit nach Hause genommen? Ich werde es nicht mehr erfahren, denn Herr von Oben scheint in den wohlverdienten Ruhestand getreten zu sein.)

Ich kaufe sündteuere Pfingstrosen. Als ich ein Kind war, schnitt meine Großtante im Garten Pfingstrosen und verteilte sie in riesigen Vasen im Haus. Der Duft war unbeschreiblich, die Sträuße ein Sinnbild des Überflusses. Im Garten wucherten die verbliebenen Blumen unverdrossen weiter. Auf dem Balkon treibt der Lavendel aus und will blühen. In den Töpfen mit den bienenfreundlichen Gewächsen wuchert etwas, das sehr außerirdisch wirkt.

Kleinchef hat endlich einen Termin für das Mitarbeitergespräch gefunden. Ich überlege, ihm in aller Freundlichkeit cuatro palabritas claras (ein paar warme Worte) zu sagen.

27.04.2022

Bei grauem Himmel und nach teils schlafloser Nacht wache ich auf.

Im Büro steht ein Meeting zur Vorbereitung auf eine geplante Umstrukturierung an. Die meisten „Neuerungen“ kenne ich schon vom vorigen Arbeitgeber. Jemand benutzt ein Gendersternchen, und Skype explodiert nicht. Die niederbayerische Nemesis und ich stellen ähnliche Überlegungen zur Umstrukturierung an. Die Nemesis ist ja nicht dumm, das muss man ihr lassen, nur unerfahren, aber das gibt sich. Ich war ja auch einmal so ein junges, dummes High Potential, nur hieß das damals noch nicht so.

Der Vorvorgesetzte, der es den Mitarbeiter*innen freigestellt hatte, ob sie weiterhin im Home Office bleiben oder wieder ins Büro zurückkehren, ist verärgert, weil die meisten im Home Office geblieben sind. Madame Chef erzählt das in vorwurfsvollem Ton. Der Vorwurf gilt nicht dem Vorvorgesetzten, der seine Wünsche offensichtlich nicht klar kommuniziert hatte, sondern uns, die wir „freiwillig“ als „freiwillig“ verstanden haben.

Außerdem biete ich mich an, dem Vorvorgesetzten fachlich zur Seite zu stehen, wenn dieser einen Ausflug in die Niederungen der Fallbearbeitung unternimmt. Ich bin gespannt, ob mein Angebot angenommen wird. Meinen bisherigen Erfahrungen nach ist damit aber eher nicht zu rechnen.

Mit Freund B – Buchhalter mit Leib und Seele – witzele ich per WhatsApp über Teammeetings. Mein revolutionärer Elan schockiert ihn gelegentlich. Klammheimlich versuche ich ihn zu indoktrinieren, aber nicht zu sehr.

09.03.2022

Nachts am Schreibtisch friere ich wie ein Schneider. Mit Heizung kann ich nicht schlafen, und sie für die Stunde zwischen zwei und drei Uhr morgens, wenn ich sowieso nie schlafen kann, aufzudrehen, scheint mir wenig rationell. Also friere ich.

Ich hatte ja schon vor ein paar Monaten diesen Gedanken: es wird doch nicht jemand mitten in einer Pandemie einen Krieg anfangen?

Die niederbayerische Nemesis schwärzt mich im Teammeeting an, weil ich mich an eine noch nicht existierende Arbeitsanweisung nicht gehalten habe. Sie übrigens auch nicht, wie der Blick in den Dienstplan verrät. Auch sonst sind die Wortmeldungen unseres jungen High Potentials nicht gerade zielführend, aber dafür um so häufiger und umfangreicher. Tja, nun.

Susi Südzucker hat Angst vor dem Spätdienst. Ja, hatte ich vor vielen Jahren auch, aber ich habe mich bemüht, gelernt und auch einmal einen Rat angenommen. Letzteres ist aber, wie wir wissen, unter Susis Würde. Susi Südzucker scheint inzwischen die besondere Gunst der Gruppenleitung zu genießen. Das war zu erwarten und macht sie noch gefährlicher.

Am Nachmittag gehe ich in der Sonne zum Einkaufen, gieße die Balkonblumen und erledige Haushaltsdinge. Der beste Ex der Welt ist müde, menschenmüde von den vormittäglichen Kund*innen und den nachmittäglichen Musikschüler*innen.

Meine prima hermana (Cousine mütterlicherseits) hat Geburtstag. Wir sind nahezu gleich alt und fast wie Schwestern aufgewachsen. Dann kam das Leben dazwischen. Ich vermisse sie.