21.11.2021

Eigentlich wissen wir ja um die Bedeutung von Präventionsmaßnahmen. Die meisten von uns haben als Kinder gelernt, dass Röteln, Masern u.ä. ansteckend sind und man nicht zu dem Freund spielen gehen darf, der mit Windpocken zu Hause liegt und sich fast zu Tode langweilt. Wir sind gegen Pocken geimpft. Wir haben vielleicht bei Verwandten auf dem Land Fälle von Schweinerotlauf miterlebt, sind gewarnt worden, dass die Übertragung von einem Betrieb auf den anderen schlimme Folgen haben kann und durften nicht bei anderen Bauern in den Stall. Wir haben in der Schule Berichte über Pestausbrüche in früheren Zeiten gelesen. Wir Lai*innen mögen nicht viele Einzelheiten über Viren wissen, wir sind aber mit dem Begriff „Ansteckungsgefahr“ vertraut. Warum hören wir nicht einfach auf die Leute, die sich mit Virologie auskennen? Ich würde mir von einem Virologen nicht in mein Fachgebiet hineinreden lassen, aber dafür bilde ich mir auch nicht ein, etwas über sein Fachgebiet besser zu wissen als er selbst. Es ist nun einmal in einer modernen Gesellschaft so eingerichtet, dass jeder Beruf Spezialkenntnisse erfordert. Wenn XYZ auf einem Gebiet ausgebildet wurde, studiert und geforscht hat, dann kann er sich immer noch irren, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich als Laiin irre, ist sehr viel größer. Also, hören Sie auf die Fachleute, wenn die Fachleute Impfungen empfehlen.

20.11.2021

Hatte ich nicht kürzlich von einem Superspreaderevent in der Firma erzählt? Am Freitag teilte Madame Chef mit, ein Kollege sei damals schon infiziert gewesen. Er habe sich bei seinem kleinen Sohn angesteckt, dieser wiederum bei seinem Freund, Sohn eines Arztes, der Corona leugnet und windige Atteste ausstellt. Symptome hatte der Kleine erst am Mittwoch, also einen Tag nach der Veranstaltung. Als Geimpfte ohne Symptome muss ich nicht in Quarantäne, bleibe aber freiwillig zu Hause und mache auf Anweisung des Betriebsarztes jeden Tag einen Selbsttest, bisher immer negativ. Ich hoffe das Beste für mich selbst und das werte Kollegium. Aber was muss sich ein Arzt und Coronaleugner, dessen Kind erkrankt, für Vorwürfe machen?

Nachtrag:

Etwas Positives gibt es zu vermelden: ich habe einen Termin für die Drittimpfung.

27.10.2021

Estoy vacía, no siento nada.

Die täglichen gegenseitigen Gemeinheiten bei der Arbeit, auf der Straße, in den Geschäften, im Internet haben in der Corona-Krise zugenommen. Ich versuche meistens, der Unverschämtheit besondere Freundlichkeit oder zumindest Höflichkeit entgegenzusetzen, habe aber das Gefühl, dass die Freundlichkeit nicht unbedingt wahrgenommen wird. Außerdem gelingt mir Freundlichkeit auch nicht immer.

Ich frage Yasir nach Verbindungen zwischen Taliban, Al Qaida und IS. Seiner Meinung nach werden die Taliban nicht zulassen, dass IS und Al Qaida in Afghanistan Einfluss gewinnen. Im National Security Archive finde ich andere Informationen zu diesem Thema. (Wie sage ich Yasir, dass ich die Taliban nicht unterstütze, aber für ihn da sein werde, wenn es nötig ist?)

25.10.2021

Ich muss zum Schuhmacher, Schnürsenkel kaufen. Wie wohl die Geschäfte des Schuhmachers gehen? Laufen die Leute ihre Absätze noch schief? Ich war seit Beginn der Pandemie nicht mehr beim Schuhmacher. Wer zu Hause sitzt, nutzt keine Schuhe ab.

Mit Nazis spricht man nicht (aber mit Taliban ja eigentlich auch nicht). Was würde ich tun, wenn mein Kind mit einem Kind aus einer Nazi-Familie befreundet wäre?

Eine dritte Kollegin erzählt mir von Schwierigkeiten mit der tonangebenden Clique. Die Kollegin ist sehr kompetent, schon älter, möglicherweise oder angeblich etwas langsamer, häufig Empfängerin von Lob- und Dankschreiben der Kundschaft. Solche Schreiben sind in der Branche allgemein selten geworden und deshalb etwas Besonderes. Ich erkenne nun wirklich ein Muster.

In der Nacht träume ich, man hätte mich im beruflichen Kontext gefragt: Was können Sie gut? Im Traum habe ich geantwortet: Nichts.

22.10.2021

Ich fasse einige Vorsätze für das Büroleben in den nächsten Wochen.

Kurz vor meiner Schicht telefoniere ich noch mit einer Kollegin und höre seltsame Dinge. Die tonangebende Clique, die mit der WhatsApp-Gruppe, die die Interims-Chefin drangsaliert hat, ist auch für die „Beschwerden“ über mich verantwortlich. Da die Interims-Chefin und ich nur sehr wenige Eigenschaften gemeinsam haben, ist mir jetzt auch klar, warum man sich ausgerechnet an uns beiden abarbeitet. Wie sagt man? Neid muss man sich verdienen.

Das werte Kollegium, das muss man ihm immerhin zugestehen, ist akrobatisch veranlagt. Mir von hinten vors Schienbein treten und mir dabei gleichzeitig ans Bein pinkeln, dazu gehört schon ein spezielles Talent.

Am Abend lese ich Irmgard Keun, Nach Mitternacht, und esse grünrosa Trauben.

20.10.2021

Der Tag danach ist ein Bürotag. Teile der tonangebenden Clique sind ebenfalls im Büro. Man ist überraschend freundlich, und ich frage mich, ob ich das Optimierungsgespräch geträumt habe. Eine Kollegin, die mich gerne um Hilfe bittet, aber ebenso gerne über mich lästert, erzählt mir von ihren Problemen im Home Office. Ich mache eine vage und beiläufige Bemerkung, die sich auf das Optimierungsgespräch bezieht, und sehe, wie sie zusammenzuckt. Aha.

In der Mittagspause finde ich eine Nachricht von Yasir auf meinem Handy. Ich habe ihm morgens kurz erzählt, dass im Büro etwas vorgefallen ist, und er wünscht mir Glück. Danach gehe ich zur Grippeimpfung und treffe einen ehemaligen Kollegen, der sehr glücklich mit seiner neuen Stelle ist.

Am Abend sehe ich eine Dokumentation über Osama bin Laden und bin schockiert über die Bosheit, die (unter anderem) aus verletztem Stolz und gekränkter Ehre entstehen kann.

19.10.2021

Auf Twitter diskutiere ich, ob ein Jude sich antisemitisch äußern kann. Später ärgere ich mich über mich selbst, weil ich mich zum 180. Mal auf eine solche Diskussion eingelassen habe, in der es der Gegenseite üblicherweise nur darum geht, eine Person in Misskredit zu bringen. Dazu ist dann wohl jedes Mittel recht.

Eine chronische Hautkrankheit scheint sich nach Jahren zu bessern. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, aber sie fühlt sich anders an, seit ich doppelt geimpft bin. Selbstverständlich beachte ich weiterhin sämtliche Vorsichtsmaßnahmen und treffe nur wenige Menschen.

In der Firma finden „Optimierungsgespräche“ statt. Wir sollen sagen, was uns in der fast vergangenen Saison nicht gepasst hat. Es läuft darauf hinaus, dass besprochen wird, wer unter den Kolleg*innen doof ist. Ich bin anscheinend doof, aber ich bin nicht die einzige. Generell sind kompetent und selbstbewusst wirkende Frauen doof. Ich erfahre, dass die tonangebende Clique eine geschlossene WhatsApp-Gruppe gegründet hat, in der man auf bösartigste Weise über die Interims-Chefin herzieht. Ich mag sie ja auch nicht, finde aber äußerst niederträchtig, was mir zu dem Thema hinterbracht wird. Ich äußere mich ehrlich und auch selbstkritisch zu verschiedenen Themen und ärgere mich danach wieder einmal über mich selbst. Aufrichtigkeit verfängt in dieser Umgebung nicht. Was ich falsch mache, sagt man mir nicht.

Mit Yasir rede ich über Wahlen, Demokratie und über seine Vorstellung von einer islamisch geprägten Regierung. (Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, bei diesem Thema offen zu sein und zu bleiben.)

13.10.2021

Peggy Parnass spöttelte in einem ihrer Artikel über deutsche Kibbuzbesucherinnen: „Germans are nice now.“ Daran muss ich denken, als ich von einer regelrechten Charme-Offensive der Taliban lese. Afghanische Minister sprechen von Nachsicht, Geduld und Güte. Die Afghaninnen, denen ich auf Twitter folge, sind nicht überzeugt.

Kritik am Afghanistaneinsatz kommt anscheinend auch aus der Bundeswehr selbst.

Bei meinen Recherchen stolpere ich über die afghanische Dichterin Nadia Anjuman.

In der Firma munkelt man von Personalabbau.