Zwei Begegnungen mit geringem Risiko. Vermutlich im Büro oder in der U-Bahn. Realistisch betrachtet sind es wahrscheinlich viel mehr. Die, die die Corona-Warn-App noch nutzen, gehören vermutlich sowieso zu den Verantwortungsbewussteren, die auch Maske tragen.

Im Büro sind die Maskenträger*innen wahrscheinlich im einstelligen %-Bereich. In den öffentlichen Verkehrsmitteln sind es wohl zwei Drittel. Angesichts steigender Zahlen trage ich weiterhin Maske, auch da, wo ich es nicht muss.

Im Juni bin ich mehrmals in vollen Zügen gereist. Da trug noch jeder Maske. Lesen die Leute keine Zeitung?

Irgendwo lese ich: Entsolidarisierung der Gesellschaft. (Wann hat das begonnen? Meiner Ansicht nach schon vor Corona.)

Das Büro macht sich auf nach Absurdistan. Viele Jahre Berufspraxis machen, dass mich das nicht mehr schockiert.

Natalie Amiri berichtet, viele Afghanen hätten sich von den Taliban eine öffentliche Verwaltung ohne Korruption erhofft. Das deckt sich ungefähr mit dem, was Freund B erzählt. Schulen seien auch vor den Taliban sehr islamisch geprägt gewesen. Außerdem erzählt sie von vergeblichen Versuchen, Ortskräfte und andere gefährdete Personen zu evakuieren. Ihre Schilderung macht deutlich, dass die Aufnahme von Ortskräften und gefährdeten Personen in Deutschland möglicherweise nie gewollt war.

Die Taliban, so schreibt sie, durchforsten die social media nach kritischen Äußerungen der eigenen Bevölkerung. Das wäre eine Erklärung dafür, dass Freund B auf Twitter ein anderer zu sein scheint als auf WhatsApp. Kontakte mit EU- oder US-Bürger*innen werden anscheinend nicht gerne gesehen. Da hat sich wohl etwas geändert. Im Sommer und Herbst 2021 hatten die Taliban in den Social Media eine regelrechte Charme-Offensive gestartet.

Aber Freund B hat auch gute Nachrichten. Ich glaube jedoch nicht, dass ich hier davon erzählen darf. Jedenfalls ist er glücklich, und das freut mich.

Der normale Bürobetrieb wird wieder aufgenommen. Ich habe 40% Home Office und 60% Büropräsenz. Auf den sogenannten „Verkehrsflächen“, also Flur, Teeküchen, Toiletten besteht keine Maskenpflicht mehr. Masken sind jedoch erlaubt, teilt die Personalabteilung mit. Ich sehe vereinzelt Maskenträger*innen und ich trage meine derzeit auch noch. Überraschend werde ich diese Woche für meine perfekte Bearbeitung gelobt. Was dahinter steckt, erfahre ich am Tag darauf. Nichts gutes.

In den öffentlichen Verkehrsmitteln, so scheint es, sind Masken optional. Ein Viertel der Passagiere zwischen Neuperlach und der Isarvorstadt geht oben ohne.

Den Mai hätte ich gerne genossen, aber ich hatte mal wieder zu viel Arbeit.

02.04.2022

„Tienes una cara como un día de abril.“ habe ich einmal meinem Freund und Lehrer A gesagt. Du hast ein Gesicht wie ein Apriltag. Würden Sie ihn kennen, wüssten Sie, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Dieser April fängt mit Schnee an, A ist passenderweise finster gelaunt und meldet sich nicht mehr.

Der Ramadan hat begonnen, und ich frage Freund B, was er ihm bedeutet. Er spricht von Pflicht, nicht einmal von Glauben, und ist mir wieder einmal sehr fremd.

Mit Freundin R verabrede ich mich zum Spazierengehen. Vorher mache ich einen Selbsttest. Diese Tests sind mir mittlerweile schon zur Routine geworden. Während ich früher unverwandt auf das Feld starrte, auf dem der oder die Striche erscheinen sollten, kann ich inzwischen relativ ungerührt lesen oder die Küche säubern, bis das Handy nach 10 oder 15 min piept. Allerdings war bei mir auch noch nie ein Test positiv.

Es hat geschneit, die ersten grünen Blätter an den Bäumen sind wie überzuckert.

Auch das Smartphone nutze ich nach zwei Jahren Pandemie inzwischen routiniert. Die Anschaffung wurde notwendig, weil das alte Handy für Notfälle den Anforderungen des Home-Office nicht genügte. An die Bequemlichkeit habe ich mich überraschend schnell gewöhnt, aber so ist der Mensch wohl, auch der ansonsten zur Frugalität neigende.

14.02.2022

Valentinstag.

Auf Twitter erfahre ich, dass der taubenvergiftende Georg Kreisler von japanischen Student*innen wenig begeistert aufgenommen wurde. Was wollen Sie, nicht jeder kann alles mögen, und ich für meinen Teil finde z.B. den Selbstmord um der Ehre willen äußerst unklug, zumal am Ende möglicherweise die Restfamilie unversorgt zurückbleibt.

In der Firma ist man anscheinend der Meinung, ich sei immer noch im Team „Textbausteine“. Ich nutze den Irrtum aus und gebe eine grundlegende Information zu Absätzen, Leerzeichen und Leerzeilen. Zu dem Thema äußere ich mich aber nur noch, wenn man so dumm ist, mich zu fragen.

Ein Kunde möchte eine Kulanzleistung. Ich lehne ab, aus triftigen Gründen. Er stellt dieselbe Frage wieder und wieder, und als ich schließlich das Gespräch beende und Gesprächsnotizen schreibe, versucht er es bei zwei anderen Kollegen. Der Fall ist aber so eindeutig, dass auch die Kollegen ablehnen müssen.

Der beste Ex der Welt ist aus der Heimat zurückgekehrt. Seine Eltern sind beide an Covid19 erkrankt. Freund B, der sich so sicher war, dass Covid19 in Afghanistan so gut wie ausgerottet sei, erzählt, dass auch seine Mutter schwer erkrankt ist. Die medizinische und allgemeine Versorgung im örtlichen Krankenhaus ist aber so schlecht, dass die Familie beschlossen hat, die Mutter lieber zu Hause .zu pflegen.

Der Mond scheint schon, als ich dies schreibe. Mein grünes Fahrrad steht wieder im Ständer hinter der Bushaltestelle. Da steht es besser als im Hinterhof. Ich räume die Küche auf und wasche Wäsche. Das Blog verkommt zum Tagebuch. Ich erzähle, was ist, weil ich für anderes den Kopf nicht frei habe. Aber es ist ja nicht viel. Und wenn schon, es kommen auch wieder bessere Zeiten.

04.02.2022

Seit einigen Tagen schon fühle ich mich nicht wohl. Das Gefühl ist das, welches wir als Kinder „halbkrank“ nannten. Schließlich mache ich einen Selbsttest. Er ist negativ, was immer das heißen mag.

Zur Feier des Urlaubs Osterglocken, Sachertorte und Wein besorgt. Dabei lerne ich, dass es anscheinend Leute gibt, die Riesling und Gewürztraminer mischen. Um damit was zu tun? Den Boden aufwischen? Sehen Sie mir die Arroganz nach; in meiner Kindheit war der Rheingau quasi nebenan. Rheingauer*innen, so habe ich sie in Erinnerung, neigen zu einer gewissen Scharfzüngigkeit. Es ist aber nicht böse gemeint.

Ich sehe eine Reportage über Geflüchtete an der polnisch-belarusischen Grenze und muss an Freund B denken, der schon einen Schlepper bezahlt hatte, der ihn und seine Frau nach Europa bringen sollte. „It was cancelled“ sagt er, und ich weiß nicht, wie ich das zu verstehen habe. Ich weiß oft nicht, wie ich Freund B zu verstehen habe. In einem Land aufzuwachsen, in dem seit Generationen Gewalt und Korruption herrschen, kann einen Menschen prägen. Es gibt wohl doch kein richtiges Leben im falschen.

Meine Schwester hat ihr Geburtstagsgeschenk zum zweiten Mal nicht erhalten. Man konnte das Paket von Stuttgart nach Saulheim transportieren, aber nicht von Saulheim nach Wiesbaden, weil es den Versandbedingungen nicht entsprach. Nun liegt zwischen Stuttgart und Wiesbaden keine Grenze, an den Zollpapieren kann es also nicht gelegen haben. Die einzige andere Möglichkeit ist eine beschädigte Verpackung. Das war auch beim letzten Mal die Begründung oder Ausrede.

02.02.2022

Diese Starre, die mich mitunter befällt. Ich würde Ihnen gerne schöne Geschichten erzählen, aber ich habe keine.

Der beste Ex der Welt ist trotz Genesung und Impfungen zum zweiten Mal an Covid19 erkrankt, aber vergleichsweise leicht davongekommen.

Freund B ist rührend um mich besorgt, dabei bin ich es, die mir Sorgen machen müsste.

In Afghanistan sollen die Universitäten spätestens im Frühjahr geöffnet werden und für Frauen und Männer zugänglich sein. Was das aber für die Zukunft bedeutet, weiß ich nicht. Vor ein paar Wochen sagte ein Mitglied der Taliban-Regierung, für Frauen genügten islamische Schulen. Dort können Frauen auch einen Abschluss auf Abitur-Niveau machen, allerdings sind die angebotenen Fächer islamisch geprägt. Laut Freund B können sich die Absolventinnen danach an der Universität für Religionswissenschaft, islamisches Recht oder Sprach- und Literaturwissenschaft einschreiben. Man weist den Frauen ihren Platz zu.

In meinem WordPress Reader erscheinen nicht mehr alle Blogs, denen ich folge. Oder sie erscheinen, aber nur unregelmäßig. Wenn ich dann wieder einmal lese, stelle ich fest, dass ich zwei, drei oder mehr Beiträge verpasst habe. Antville ist so ein Fall. Ich werde mir etwas überlegen müssen, damit ich neue Einträge auf meinen Lieblingsblogs nicht immer verpasse.

19.01.2022

Bei Schlaflosigkeit hilft Sprachenlernen nicht weiter. Nach einer Viertelstunde bin ich erst recht hellwach, wenn auch nicht wach genug, mir die neuen Vokabeln wirklich zu merken.

Am Vormittag überfällt mich plötzlich die Angst um Mutter und Bruder. Mein Bruder ist in der gut besuchten Bibliothek eines Oberstufengymnasiums tätig und übernimmt auch allgemeine Verwaltungsarbeiten, um die Lehrer*innen zu entlasten. Dazu gehört auch das Testen der Schüler*innen. Ich habe Angst davor, dass er sich infiziert und eventuell auch meine Mutter ansteckt.

Im Büro erhalten wir eine neue Anweisung für den Notrufdienst im Home Office. Der Schreibtisch darf, abgesehen von der Mittagspause, nur noch verlassen werden, um die Toilette aufzusuchen. Über die Dauer des Toilettenbesuchs wurde nicht gesprochen, aber eine andere, derzeit gültige Anweisung lässt vermuten, dass von einer Dauer unter fünf Minuten auszugehen ist. Außer am Montag habe ich nur halbe Notrufschichten, aber was tun die Vollzeitler? Die fünf Minuten auf dem Balkon oder den schnellen Kaffee braucht man, um z.B. nach einem Unfall mit Personenschaden wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Der Fachbegriff dafür ist übrigens „Katheter-Assistance“. Nein, das war ein brancheninterner Witz, den Begriff brauchen Sie sich nicht zu merken. Ich werde mir wohl eine Verstopfung zulegen müssen. Eigentlich bin ich ja eine von denen, die während der Arbeitszeit am Schreibtisch klebt, ohne nach rechts und links zu schauen, aber was zu viel ist, ist zu viel.

14.01.2022

Einen Urlaubstag genommen, um Dinge zu erledigen.

In Afghanistan gibt es laut Statistik vergleichsweise wenig Covid-Fälle. Es stellt sich mir die Frage, wie es um Test- und Behandlungsmöglichkeiten bestellt ist. Wie sieht es mit der Meldung der Fälle aus? Gerade im ländlichen Raum stelle ich mir das schwierig vor. Und: Wie übersteht ein ohnehin durch Hunger und Kälte geschwächter Körper eine Covid-Infektion?

Highlight des Tages hier bei mir war aber die Boosterimpfung, in mehrfacher Hinsicht. Ein schöner Spaziergang bei sonnigem Wetter zur Praxis, freundliche Menschen und ein reibungsloser Ablauf. Der nette Herr Doktor flirtet ein bisschen. (Kerle, halt die Luft an, du hattest meinen Impfpass in der Hand, du hast gesehen, was ich für eine alte Schachtel bin!) Jedenfalls habe ich jetzt einen neuen HNO-Arzt. Demnächst werde ich einen brauchen. (Keine Sorge, nichts Ernstes.) Und dann bin ich ja auch endlich geboostert, das allein erhellt schon den Tag.

Auf dem Heimweg grüßt mich eine blonde Frau, die ich eventuell aus einem Tanzkurs kenne. Sicher bin ich mir nicht.

Am Abend trage ich die Boosterimpfung und die Grippeimpfung vom Oktober pflichtgemäß in die SafeVac-App ein.

27.12.2021

Kliniken kämpfen mit Personalmangel. Ach, was? Wenn Sie selbst schon einmal mehrere Jahre lang bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet haben, wundert Sie das gar nicht. Irgendwann geht es nicht mehr.

Morgens ist es jetzt schon ein wenig heller. Ich friere am Schreibtisch.

Überschwemmungen in Brasilien. La Palma räumt hinter dem Vulkan auf.

Der Termin für die Drittimpfung rückt näher.

Müde.