Anderswo

Frau Croco hat das folgende kurze Video einer Russin verlinkt.

Die Fatzke-Zeitung verlässt das Gallusviertel. (Als Frankfurterin darf ich „Fatzke-Zeitung“ sagen.)

Ich kann mich noch erinnern, wie und wo ich den Satz „a stitch in time saves nine“ lernte. Über Nadelarbeit (englisch)

Eine kleine, aber feine Ausstellung in München: Queeres Leben zwischen 1900 und 1950. (Wenn Sie früher noch ältere Leute sagen hörten, Soundso sei am 17.5. geboren, dann bezog sich das auf den § 175 und war eine Chiffre für Homosexualität.)

Männer in Afghanistan müssen mit und für Frauen kämpfen, sagt ein afghanischer Professor. Sie tun es auch, aber es sind zu wenige und es ist gefährlich.

Eine ausgezeichnete junge Musikerin mit Tanguillos de Cádiz. (Die Übersetzung ist allerdings alles andere als ausgezeichnet.)

Der schönste Junge der Straße

Sie kennen das. Da ist immer einer. Der schönste Junge der Straße, der Schule, der Stadt Ich will mich gar nicht erinnern, wie er aussah, denn vielleicht fände ich ihn heute gar nicht mehr schön. Sie können sich lange Wimpern denken, geschickte Hände, kluge Sätze über Literatur oder Theater, ein Talent, das nicht jeder hatte. Musik? Sport? Sie erinnern sich doch sicher noch, was der schönste Junge der Straße besser konnte als alle anderen.

Er hatte ein Motorrad, ein schweres. Achtzehn muss er damals also schon gewesen sein, kurz vor dem Abitur. Ich war mehrere Klassen unter ihm, eine graue Maus, der manche aber zumindest Verstand zutrauten. Der schönste Junge der Straße fuhr oft auf dem Heimweg mit dem Motorrad an mir vorbei, und wenn nicht das schönste Mädchen der Schule oder das zweitschönste hinter ihm saßen, dann fragte er mich, ob ich mitfahren wollte. Die anderen Jungen machten sich über ihn lustig, wenn er mich mitnahm. Was willst Du mit der Spinne? Halt die Klappe, die Spinne ist meine Nachbarin. Er sagte nie: Halt die Fresse.

Er war der schönste von allen und wahrscheinlich auch der netteste, aber am Ende wollten ihn weder das schönste noch das zweitschönste Mädchen der Schule. Warum, weiß ich nicht. Er machte ein glänzendes Abitur und es war ausgemacht, dass er Medizin studieren würde. Nach dem Zivildienst.

Irgendwann verkaufte er sein Motorrad und kaufte ein neues, leichteres, wendigeres. Mit dem übte er halsbrecherische Stunts auf dem Gelände der Großmarkthalle, wenn da nicht gearbeitet wurde. Da war er schon im ersten Semester. Von einer gemeinsamen Freundin, deren Vater Packer „auf“ der Großmarkthalle war, wussten wir, wie wir ungesehen auf das Gelände kamen. Spinne, willst Du zugucken? Ich wollte, immer. Danach half er mir bei den Hausaufgaben. Spinne, Du musst Dir mehr zutrauen! Wie willst Du studieren?

Dann kam der Spätsommer mit seinen milden blauen Abenden. Es waren noch Semesterferien, und wir gingen jeden Abend auf die Großmarkthalle. Spinne, schau Dir das an! Ich schaute zu, wie sich das Motorrad mit dem schönsten Jungen der Straße in die Lüfte hob. Und zerschellte.

Es gab doch einen Wachmann auf der Großmarkthalle. Der rief die Polizei und den Krankenwagen. Später wurde spekuliert, der schönste Junge der Straße sei betrunken gewesen oder habe unter Drogen gestanden. Wir nahmen aber keine Drogen. Wir hatten von Kindheit an gesehen, wie sich Drogen auswirkten. Wie die Abhängigen, die wir nicht die Abhängigen nannten, weil wir ihre Namen und Familien ja kannten, immer dünner, nervöser und schließlich immer schwächer wurden. „Schwindelnd über dem Meer von Leichen, mich verschlingt es nicht.“ zitierten wir. Darin lag eine gewisse Arroganz, neben dem Bewusstsein, dass man – leichter als gedacht – doch abstürzen könnte ins Meer.

Der schönste Junge der Straße überlebte schwerverletzt. Es dauerte mehr als ein Jahr, bis er wieder laufen, Motorrad fahren und studieren konnte. Er behielt eine Narbe im Gesicht, mit der er in späteren Jahren, als seine Züge schärfer wurden, Furore bei den Frauen machte. Zunächst studierte er aber in einem anderen Land in einer anderen Sprache das, was er wirklich studieren wollte. Da verloren wir uns aus den Augen. Heute lese ich manchmal Interviews mit ihm und lächele über den Wissenschaftler, der aussieht wie ein Pirat und dem die Frauen zu Füßen liegen. Und dann denke ich an den Jungen, der auf seinem Motorrad fliegen wollte und der einzige ist, der mich auch heute noch Spinne nennen dürfte.

(Die Geschichte ist natürlich nicht autobiografisch, aber selbstverständlich gibt es ein Vorbild für den schönsten Jungen der Straße. So einen gibt es ja überall. Das Zitat mit dem Leichenmeer ist von Brecht.)

10.11.2021

Bei Aurora, deren privates Blog ich hier nicht verlinken kann, habe ich von Judenhäusern gelesen. Der Begriff war mir bis zu einer Reise nach Hamburg vor einigen Jahren gar nicht bekannt. Dabei gab es auch in Frankfurt natürlich Juden- oder Ghettohäuser. Interessant ist hier für mich auch, dass die letzten in der Stadt verbliebenen Juden ins Ostend umgesiedelt wurden. Zu meiner Schulzeit lebten dort Migranten, auch meine Schulfreundin Z. Seit ein paar Jahren entwickelt sich das Ostend meines Wissens zum Szeneviertel mit horrenden Mieten. (Korrigieren Sie mich, wenn Sie es besser wissen.)

Ich erhielt einen Strauß Rosen (und bitte um Entschuldigung für die schlechte Qualität des Fotos).

Der Rosenbote, der neuerdings wieder in einem Restaurant arbeitet, brachte gleichzeitig eine Eigenkreation zum Probieren. Sehr, sehr viel Lachs, aber den mag ich ja.

Eine der bösen Damen von Kleinbloggersdorf fühlte sich heute bemüßigt, mich wieder einmal auf Twitter zu verleumden. Tja, jeder hat seine kleine Kloake, die einen dann und wann mit übelriechendem Geblubber überrascht. (Das war nun eine ziemlich freie Übersetzung eines Zitats von Albertine Sarrazin, das aber immer auf die oben erwähnten Kleinbloggersdorfer Damen passt.) Ich kann mich übrigens nicht erinnern, dass ich mit der Dame jemals interagiert hätte. Sie hat sich nur unwissender- und unbekannterweise an einem Shitstorm beteiligt, den eine andere initiiert hatte. Seitdem schießt sie mitunter Giftpfeile in meine Richtung. Was wollen Sie, auch eine Dame aus Kleinbloggersdorf braucht ein Hobby. Wenn’s der Übung in Zielsicherheit dient, stelle ich mich gerne zur Verfügung.

Die Post ist offensichtlich der Meinung, auch ich bräuchte ein Hobby, deshalb hat sie mir wieder ein Paket angekündigt. Mal sehen, ob es dieses Mal ankommt.