12.10.2021

Es ist Herbst. Vor meinem Home Office – Fenster sind die Bäume aber noch überwiegend grün. Manchmal friere ich schon am Schreibtisch.

Auf Twitter schreibe ich, dass ich den Gebetsruf der Muslime als schön und manchmal sogar als tröstlich empfinde, mehr nicht, aber jemand meldet den Tweet. Ich verstehe die Leute nicht.

Menschen diskutieren über finanzielle Hilfe für Afghanistan. Klar ist, dass man damit auch das Taliban-Regime unterstützt. Aber kann man deshalb Millionen Menschen hungern lassen?

Mit Yasir rede ich über Halbprivates, das nicht hierher gehört.

07.10.2021

Die ersten Feigen des Jahres kommen aus Bursa. Da gibt (gab?) es einen Militärflughafen, der früher täglich um 21.00 Uhr schloss. Ein Krankentransport wäre daran fast gescheitert. Ich weiß noch, wie ich damals, vor vielen Jahren, auf einen Kommandanten, der ein sehr viel besseres Französisch sprach als ich, einredete, damit er ihn bis 23 .00 Uhr offen hielt. Am Ende nannte er mich „ma fille“ und ich ihn „Oncle Mehmet“. Das Flugzeug durfte schließlich doch noch landen und auch in der selben Nacht wieder abfliegen.

Ich rede weiter mit Yasir. Auf seiner Seite Kriegsrhetorik. Ein Selbstmordattentat, so schreibt er, sei ein Akt des Glaubens, der ihm nicht erlaubt sei, solange keine Feinde in seinem Land seien. Das beruhigt mich nicht wirklich.

Der Freund, der kein Freund ist, ist für mich ebenso wenig zu erreichen wie Yasir.

05.10.2021

Vielen Dank an alle, die mir kürzlich einen schönen Urlaub gewünscht haben. Es war aber nur ein Besuch bei Mutter und Bruder, wegen Corona das erste Mal nach langer Zeit. Ich bin froh, dass es wieder möglich war. Die ganze Zeit über hatte ich befürchtet, dass ich meine Mutter vielleicht nicht mehr lebend wiedersehe; schließlich ist sie 85 Jahre alt. Nun steht im November noch ein Besuch bei meinem genauso alten Paten an. Meine Mutter und mein Pate sind übrigens Freunde, seitdem der Pate und die Godel (Patentante) geheiratet haben. Das sind immerhin 62 Jahre.

Susi Südzucker liest keine Akten. Sie fragt mich lieber, was drin steht. Den Rest können Sie sich denken, oder besser nicht. Das werte Kollegium hingegen probt den Aufstand wegen einer Personalentscheidung, die nicht goutiert wird. Ich selbst hatte ja schon so viele seltsame Vorgesetzte, dass ich meinen eigenen Affenzirkus aufmachen könnte. Solange Susi nicht meine Chefin wird, ist mir alles Recht.

In Afghanistan ist anscheinend mancher ungebildet und noch stolz darauf. Das wird nicht funktionieren. Ich frage mich, was Yasir mit seinem Universitätsabschluss, der vermutlich in der im Artikel erwähnten Periode erworben wurde, darüber denkt, frage ihn aber nicht. Nicht jetzt. Für die Afghanen geht es gerade um die bloße Existenz, mit oder ohne Taliban. Dagegen ist alles, was ich erlebe oder denke, banal.

Am Nachmittag stelle ich zum ersten Mal in diesem Herbst die Heizung an, nachdem ich lange genug am Schreibtisch gefroren habe. Abends drehe ich sie zurück – ich bin aufgewärmt – und öffne die Balkontür. Draußen ist es feuchtwarm. Ich gieße die Pflanzen.

Am Abend gibt es Pizza.