Als ich aufwache, schreit die alte Obdachlose auf dem Friedhof herum. Sie übernachtet offensichtlich dort, wenn es nicht regnet.

Ab Anfang September wird in der Firma umgebaut. Ich bin also fast den ganzen September im Home Office. Das hat den Vorteil, dass ich während der Wiesn nicht U-Bahn fahren muss. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich es anstelle, dass ich in der Zeit nicht ins Büro muss. Die Wiesn-Zeit ist eine begehrte Urlaubszeit bei den Kinderlosen, die sich nicht an Schulferien halten müssen. Die einen nehmen Urlaub und fliehen aus der Stadt, die anderen, damit sie zwei Wochen hemmungslos durchsaufen können. Das ist übrigens nur leicht übertrieben.

Das jüdische Museum München hat ein Blog, das wusste ich nicht. Dort erinnert man an die 1972 bei dem Attentat ermordeten Menschen: Elf israelische Sportler, ein deutscher Polizist, . Einer war erst 18 Jahre alt, ein anderer hatte fast denselben Familiennamen wie ich. Oder war es derselbe und ein Buchstabe ist bei der Transkription ins moderne Hebräisch verloren gegangen? (Vielen Dank an A., auf deren nicht öffentlichem Blog ich den Link gefunden habe.).

Aus praktischen Erwägungen lande ich beim kleinen Lebensmittelladen an der Ecke, seinerzeit zu Beginn der Pandemie der einzige, der Toilettenpapier hatte. Auf dem Weg dorthin liegen nämlich die Post und die Apotheke und es ist kein Umweg nötig. Die Milch ist einen ganzen Euro teurer als bei der Konkurrenz, Käse und Obst aber ungefähr gleich gestiegen.

Wieder einmal nachdenken über Kommentare und ob ich überhaupt noch welche zulassen will.

06.10.2021

In der Nacht schlafe ich so gut wie gar nicht. Sobald wie möglich, melde ich mich im Home Office an. Zum Glück ist nicht allzu viel los. Mein Antrag auf Heimarbeit auch nach der Pandemie wird sofort genehmigt. Eigentlich will ich so wenig wie möglich von zu Hause arbeiten, aber die Firma wünscht es aus Gründen, und ich will mir aus anderen Gründen und für alle Fälle die Möglichkeit offen halten.

Ich beende den Arbeitstag früh und schlafe knapp drei Stunden. Danach rede ich mit Yasir per WhatsApp über ein schwieriges Thema. Das schwierigste von allen. Ich setze voll auf Emotion. Es wird nichts nützen, das weiß ich. Trotzdem. Daneben recherchiere ich weiter.

Yasirs sonniges Gemüt auf der einen Seite und sein religiöser Starrsinn auf der anderen. Man möchte nicht glauben, dass so etwas möglich ist. Seit ein paar Tagen kenne ich sein Foto. Ein kräftiger junger Mann um die dreißig, brünett mit weichen Gesichtszügen, wie mein Bruder in dem Alter.

Nächste Fragen an mich selbst und an Yasir: Wie funktioniert eine islamische Republik? Wie habe ich mir einen Staat ohne Demokratie vorzustellen? Wo liegt der Unterschied zwischen der Ideologie der Taliban und der des ISIS-K?

Judas Thaddäus, der Heilige für die hoffnungslosen Fälle.

05.07.2021

Nach fast eineinhalb Jahren im Home Office komme ich auf den Gedanken, mein (kaltes) Mittagessen schon morgens vorzubereiten. Bei einer Mittagspause von nur 30 Minuten, die ich peinlich genau einhalte, sollten nicht 10 Minuten für die Zubereitung des Mittagessen verschwendet werden. Da es warm ist, koche ich den Kaffee schon im Voraus und lasse ihn abkühlen.

Vor der Arbeit nehme ich Wäsche ab, wasche Wäsche, hänge Wäsche auf und putze die Küche.

Zu Arbeitsbeginn erst einmal eine Panikattacke, weil das Telefon in der Realität doch nicht so funktioniert wie getestet. Ich finde den Fehler aber überraschend schnell und kann telefonieren. Das ist gut, denn es kommen sehr viele Anrufe herein.

Auch der Chef ruft an und teilt mit, dass er jetzt sechs Monate lang in ein Projekt eingebunden ist und in dieser Zeit keine Chef-Dinge tun wird. Einen Teil seiner Aufgaben übernimmt eine relativ neue Kollegin, aber man hat ihr weder fachliche noch disziplinarische Verantwortung übertragen.

Ich erfahre, dass wir in der nächsten Zeit peu á peu ins Büro zurückkehren sollen. Mein erster Bürotag ist an diesem Freitag. Außerdem „haben wir die Erlaubnis“ diesen Samstag „freiwillig“ zu arbeiten. Ich glaube aber, ich werde von dieser Erlaubnis keinen Gebrauch machen. Aus Gründen.

Und aus gegebenem Anlass: Pío Leyva, Pío Mentiroso

20.05.2021

Weiter im Tagebuchblogtrott.

Das Notebook läuft nach dem letzten Update wieder geräuschlos und zuverlässig. Der Hersteller warnt mich jedoch monatlich, dass es für die alte Kiste keine Ersatzteile mehr geben wird, falls sie kaputtgeht. Ein vergleichbares Modell dieses Herstellers ist heute sehr viel teurer. Ich setze auf meinen Computer-Hexenmeister, der bisher alles wieder hingekriegt hat.

Eine Übersetzerin leitet den anonymisierten Briefwechsel zwischen einem Übersetzungsbüro und einem Übersetzer weiter. Ich möchte nicht viel dazu sagen, bin aber im Nachhinein froh, dass ich schon vor Jahren den Nebenberuf zum Hauptberuf gemacht habe. Das Übersetzen fehlt mir (aber nicht zu diesen Bedingungen).

Zwei Kolleginnen bezeichnen das Getue einer Dritten als „die Südzucker-Show“, wobei sie statt „Südzucker“ den echten Namen der Kollegin nennen, was ich hier aus Gründen der Diskretion nicht kann.

Wegen der Anfrage einer anderen Abteilung frage ich den Chef um Rat, erhalte aber keine Antwort, mit der ich etwas anfangen kann. Ich werde eine Nacht darüber schlafen und dann selbst entscheiden müssen.

14.04.2021

Kalt fängt der Tag an.

Ein böser Gedanke: wenn Söder und Laschet sich gegenseitig ausbremsen, dann… Aber ich habe auch nicht viel Hoffnung, was die Kandidaten der Roten und der Grünen betrifft.

Es ist die Rede von Triage. Ich hoffe, Bevölkerung und Politiker*innen lernen aus dieser Krise, aber ich bin lange genug auf der Welt, um zu wissen, dass das sehr unwahrscheinlich ist. Um mich herum viel Unvernunft.

Das alles wird möglicherweise zu einer Politikverdrossenheit führen, und Verdrossene sind anfällig für Totalitäres und „einen starken Mann“.

Kevin(a) from Microsoft ruft wieder an, als ich gerade selbst dienstlich telefoniere. Jedenfalls nehme ich es an, ich hebe nicht ab. Die Vorwahl passt zu den anderen Fake-Anrufen der letzten Tage. In der Gegend kenne ich niemand.

Im „Büro“ – ich sage immer noch „im Büro“, obwohl ich es schon lange nicht mehr betreten habe – zwei Telefonkonferenzen, beide ohne besondere Vorkommnisse. Ansonsten sehr wenig zu tun. Zwischendurch hüpfe ich immer mal wieder auf Twitter, wo aber auch wenig los ist.

Auf dem Balkon zeigen der Liebstöckel und der Jasmin erste grüne Blättchen, auch das Bergbohnenkraut scheint wiederzukommen. Die schwarze Johannisbeere hat kräftige grüne Blätter.

Ich lese weiter in der Biografie und sehe eine Folge einer Krimiserie auf Arte.

Der Tag endet kalt.