27.12.2021

Kliniken kämpfen mit Personalmangel. Ach, was? Wenn Sie selbst schon einmal mehrere Jahre lang bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet haben, wundert Sie das gar nicht. Irgendwann geht es nicht mehr.

Morgens ist es jetzt schon ein wenig heller. Ich friere am Schreibtisch.

Überschwemmungen in Brasilien. La Palma räumt hinter dem Vulkan auf.

Der Termin für die Drittimpfung rückt näher.

Müde.

29.06.2021

Auch das ist Urlaub: einfach nur dem Gewitter beim Gewittern zusehen.

„Zudem ist festzustellen, dass täglich im Schnitt 150 Personen am Tag nicht zu ihrem vereinbarten Termin erscheinen. Deshalb ruft die Landeshauptstadt München dazu auf: Wenn Sie keine Impfung im Impfzentrum mehr benötigen, weil Sie beispielsweise schon bei Ihrem Haus- oder Betriebsarzt geimpft wurden, stornieren Sie bitte den Termin im Registrierungsportal BayIMCO.“ (Quelle: Referat für Gesundheit, Stadtverwaltung München, auf muenchen.de) Denen geht es wohl zu gut.

Der Cousine hatte ich eine Mail zum Geburtstag geschickt, weil ich nicht zu einem längeren Telefonat aufgelegt war (und mit der Cousine dauert es immer länger). Aber, wie sie schreibt, war sie ohnehin ganztägig unterwegs und ich hätte sie telefonisch nicht erreicht.

Wenn diese Pandemie einmal vorbei ist, werde ich einerseits Interessanteres zu berichten haben, andererseits aber wohl auch weniger Lust und Zeit zum Tagebuchbloggen. Mal sehen, wie es dann hier weitergeht.

15.06.2021

Die Stadt riecht nach Sommer, sagte Mitzi Irsaj kürzlich. Nach Schwimmbad, meine ich. Noch fast drei Wochen Urlaub liegen vor mir, und ich freue mich auf eine Fahrt an den See. Zunächst aber wurde ich zum ersten Mal geimpft, und zwar bei meinem Arbeitgeber. Da ich Urlaub habe und nicht an den Schreibtisch zurück muss, komme ich endlich dazu, mir zwei für meine wieder langen Haare dringend benötigte Haarspangen zu kaufen.

Ein Einschub zur Impfung: Mir ist nicht ganz wohl dabei. Die Firmen impfen, das kann man sich vorstellen, nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern in der Hoffnung, so bald als möglich zum normalen Betrieb zurückkehren zu können. Möglicherweise haben große Konzerne wie der, bei dem ich mein Brot verdiene, Druck auf die Politik ausgeübt, um impfen zu dürfen. Im örtlichen Impfzentrum wäre ich jedenfalls noch lange nicht an der Reihe. Andererseits schaue ich einem geschenkten Gaul nicht ins Maul. Letztendlich wird durch die Impfungen in den Betrieben das hiesige Impfzentrum entlastet. Trotzdem bleibt das Gefühl der Vorteilsnahme.

Ich hole die Sommerkleider aus dem Keller. Ich, die ich Einkaufen hasse, möchte mir ein Kleid kaufen. Nicht bestellen, in einem Geschäft kaufen.

Erinnerungen an Frankfurt beim Lesen in Eva Demskis „Scheintod“. Eva Demski muss zur Generation meiner Lehrer*innen gehören, die – meist auf irgendeine Weise links – ebenfalls von abgehörten Telefongesprächen und konspirativen Treffen erzählten. Wie konspirativ diese Treffen wirklich waren, oder ob da – analog zu Gertrud von Le Forts Konvent – eine Gruppe linker Intellektueller ein bisschen „Martyrium spielte“, weiß ich nicht. Ein paar Jahre früher hatten wir als Kinder „Baader-Meinhof-Bande“ gespielt, was eine Abwandlung von Räuber und Gendarm war, und wobei die weniger angesehenen Mitglieder der Clique die Polizist*innen spielen mussten. Obwohl mein Status in der Hierarchie das eigentlich nicht hergab, spielte ich eine Terroristin. Es muss an meinem Vater gelegen haben, der ein stadtbekannter „Roter“ war, dass man mir diese Rolle übertrug.

27.05.2021

Gespanntes Warten auf ein Testergebnis. Ein Schwangerschaftstest ist gar nichts dagegen. Große Erleichterung, anscheinend habe ich mich doch nur erkältet. Wie Sie mich kennen, bin ich aber trotzdem vorsichtig.

Freundin R, herzkrank und über 60, hat ihre erste Impfung bekommen und heftig darauf reagiert.

Ich lege Knoblauch in Olivenöl ein. Die ganze Wohnung duftet. Ich lüfte ausgiebig, obwohl ich den Duft mag, denn nach ein paar Stunden wird er unangenehm. Keine Ahnung, warum das so ist oder ob nur ich das so empfinde.

Auf Twitter erzählt jemand von einem Freund mit unklarem Aufenthaltsstatus, der sich nicht meldet, und ich erinnere mich an vergleichbare Erlebnisse vor Jahren. Sie schliefen im Hinterzimmer einer Kneipe, Handys waren noch nicht allgemein üblich und für viele ohnehin nicht bezahlbar. Ein paar Tage oder auch länger nichts zu hören, war normal. Wenn aber jemand zu einer Verabredung nicht erschien, wie damals D, hieß das in der Regel, dass er verhaftet und abgeschoben worden war. Wie wir nach mehreren Wochen erfuhren, wurde D wenige Tage nach der Abschiebung in seinem Heimatland erschossen.

19.05.2021

Anderswo lese ich von nicht mehr können, vom einen Fuß vor den anderen setzen, von geänderten Lebensumständen. Ich schaue mich halbherzig nach einer Wohnung um, etwas außerhalb vielleicht, was aber wieder andere Nachteile brächte.

Wundert es mich, dass die Kollegin, die schon früh leichte Schwurbeltendenzen entwickelt hat, weder sich noch die Tochter impfen lassen will? Die Tochter ist übrigens volljährig und dürfte das selbst entscheiden.

Ich lerne, dass „Stornorechnung“ auf Spanisch „factura de anulación“ heißt. Fragen Sie nicht.

Es ist kalt und es regnet.

17.05.2021

Eine Woche Blogpause. Für ein Tagebuchblog ist das eine verhältnismäßig lange Zeit.

Bilanz gezogen und mir selbst ein paar unangenehme Wahrheiten gesagt. Eine der angenehmeren Wahrheiten: Die Ruhe und Isolation des Home Office tun mir inzwischen gut. Privat habe ich wenig zu tun, aber viel Zeit, über die Vergangenheit zu grübeln. Was gewissermaßen gut ist, denn ich erkenne Muster, die ich früher nicht erkannt habe.

Die Firma teilt mit, die Betriebsärzt*innen würden voraussichtlich im Juni mit den Impfungen beginnen. Auch mein Hausarzt bittet darum, dass Patient*innen unter sechzig sich nicht vor Juni melden mögen. Das Impfzentrum hat noch nicht von sich hören lassen, also warte ich weiter, wer zuerst einen Termin für mich hat.

Da die Inzidenzen niedriger sind und Sport ohne Kontakt auch in Innenräumen erlaubt ist, gehe ich in mein Kellerloch auf der anderen Seite der Isar und übe ein bisschen Flamenco. Die Siguiriya kann ich noch, die Tientos werde ich neu choreographieren müssen. Ich erinnere mich beim besten Willen nicht mehr an meine Choreographie und weiß nur noch, dass ich ein paar Sequenzen vom Herrn Lehrer übernommen habe.

Für einen Monat habe ich Netflix, weil ich unbedingt „Unorthodox“ sehen wollte. Shira Haas ist eine wunderbare Schauspielerin, aber von der Serie bin ich ein bisschen enttäuscht. Den restlichen Monat werde ich mit der dritten und vierten Staffel von „Bron / Die Brücke“ herumbringen.

Am Abend gewittert es, und ich räume die oberen Fächer des Balkonregals ab.

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