01.05.2022

Franza o Spagna, pur che se magna.

Gefunden vor Jahren bei Elizabeth Gilbert, Eat, Pray , Love

Es soll sich hierbei um ein römisches Sprichwort handeln. Es sei egal, ob man unter französischer oder spanischer Herrschaft stehe. so lange man zu essen habe… Das ist die Sichtweise von Menschen, die niemals auch nur den geringsten Einfluss auf das Weltgeschehen haben werden. Nein, ich möchte das gar nicht auf die Ukraine bezogen wissen, erst recht nicht im Hinblick auf den Brief, den unter anderen Alexander Kluge unterzeichnet hat. Ich habe keine kluge Antwort auf die Frage des Kriegs, den Putin angezettelt hat. Ich habe gar keine Antwort.

Ist es Ihnen aufgefallen, dass es Bücher gibt, aus denen man herauswächst? „Eat, pray, love“ kam damals für mich zum richtigen Zeitpunkt, aber nun hat mein Leben es überholt und ich kann das Buch weitergeben.

Freund B, der sich mit Krieg auskennt, feiert Eid al Fitr. Uns geht es gut, schreibt er, nur dein Platz ist leer. Paschtunische Höflichkeit, nehme ich an. Oder Freund B in seinem typischen Überschwang? Ich kann ihn nicht einschätzen.

Anderswo

Herr Solminore über eine verlorene Heimat.

Herr Hauptschulblues hat ein altes Flugblatt gelesen. Es geht um Krieg, aber nicht den aktuellen.

Schwarze Sklavinnen als Versuchskaninchen.

Flüchtende Roma aus der Ukraine.

Als ich ins katholische München zog, fiel mir sein Grabstein auf: Johann Balthasar Michel, der erste Protestant, der das Münchner Bürgerrecht erhielt. Dass er ein Wein- und Pferdehändler war, wusste ich bisher nicht, aber diese zwei Berufe waren auch in meiner Familie häufiger vertreten. Verwandtschaft ist er aber wohl nicht.

Juan Moneo (1953-2013) por tientos.

Selenskyi

Woran ich kürzlich denken musste:

Vor mir verließ ein junger Barbarenfürst die Kurie. Er war unbewaffnet, und wenn er auch noch an der Spitze seines Gefolges einherging, war er doch schon verloren. Er hatte sich dort drinnen selbst hingerichtet. Als er vorbeikam, begegneten sich unsere Blicke. Er hatte die Augen eines Tieres in der Falle.“ (Waldtraut Lewin, Die stillen Römer)

Hoffen wir, dass es mit Selenskyi kein so schlimmes Ende nimmt.

04.04.2022

Der Paravent auf dem Balkon ist umgestürzt. Ich mache mir nicht die Mühe, ihn aufzurichten. Solange das Wetter ist, wie es ist, wird er wieder umstürzen. Außerdem brauche ich gerade ohnehin keinen Sonnenschutz.

Kriegsverbrechen russischer Soldaten in der Ukraine. Sie gehen mir nahe, aber ich kommentiere sie so wenig wie möglich. Ich kann gar nichts tun, das ist die banale und schreckliche Wahrheit. Was sollen also Worte?

Ich lese, ich schreibe, ich lenke mich ab. Das Mütterlein fantasiert vom Tyrannenmord. Wäre sie seinerzeit alt genug gewesen, wäre sie über die Grenze gegangen und hätte sich der Résistance angeschlossen, davon bin ich überzeugt. (Ein Hitlervergleich. Das gehört sich nicht, ich weiß.)

Wenigstens habe ich den Thymian über den Winter gebracht, und auch der Rosmarin hat sich ganz prächtig erholt. Man muss doch einen Fuß vor den anderen setzen. Diese Erde wird noch da sein, wenn wir alle längst vergangen sind. Das ist auf eine gewisse Weise sogar tröstlich.

Anderswo

Alle Jahre wieder wird auf Twitter das Thema „Kulturelle Aneignung / Cultural Appropriation“ diskutiert. Hier ein Beitrag im Deutschlandfunk.

Was hat Schlafmangel mit sozialer Gerechtigkeit zu tun? (englisch)

Liuea macht sich Gedanken über Design und Kunst.

Schokolade ist politisch: Ritter Sport.

Herr Hauptschulblues sammelt Lieder gegen den Krieg. Hier noch eins aus Frankreich, mit dem ich sehr viele Erinnerungen verbinde: Giroflé, girofla.

28.03.2022

Anderswo ist die Rede von Ressentiments gegenüber hier lebenden Russ*innen. Nein, Putin ist nicht Russland, auch wenn eine Mehrheit der Russ*innen hinter ihm stehen sollte. Einzelne Russ*innen zu attackieren, hilft weder uns noch der Ukraine. Außerdem wissen wir nicht, warum diese Leute hier sind.

Lebte mein Vater noch, würde er den ganzen Tag über die Nachrichten verfolgen. Ich lese Zeitung und sehe einmal am Tag die Tagesschau.

Ich denke an ukrainische Kinder, die vielleicht nie erwachsen werden, nie studieren, heiraten und selbst Kinder haben werden, außerdem an alte Leute wie meine Mutter, die als Kinder einen Krieg erlebt haben und geglaubt haben, so etwas würde zu ihren Lebzeiten nicht mehr passieren. Auch an russische Kinder, denen Putin die Väter stiehlt.

Der ukrainische Botschafter Melnyk sagt, es sei falsch, dass russische Musiker*innen sich an einem Solidaritätskonzert für die Ukraine beteiligen. Ich hätte es eher als eine schöne Geste verstanden, aber natürlich ist ein anderes Empfinden auch legitim. Ich fürchte jedoch, es steht mir nicht zu, ein Urteil über Melnyk zu fällen.

Dazwischen die Oscars und eine Ohrfeige. Das Ereignis schlägt ungebührlich hohe Wellen in den social media, scheint mir. Vielleicht will man sich zur Abwechslung einmal mit etwas anderem beschäftigen als Corona oder mit dem Krieg nebenan. Das ist wohl menschlich, wenn auch nicht schön.

09.03.2022

Nachts am Schreibtisch friere ich wie ein Schneider. Mit Heizung kann ich nicht schlafen, und sie für die Stunde zwischen zwei und drei Uhr morgens, wenn ich sowieso nie schlafen kann, aufzudrehen, scheint mir wenig rationell. Also friere ich.

Ich hatte ja schon vor ein paar Monaten diesen Gedanken: es wird doch nicht jemand mitten in einer Pandemie einen Krieg anfangen?

Die niederbayerische Nemesis schwärzt mich im Teammeeting an, weil ich mich an eine noch nicht existierende Arbeitsanweisung nicht gehalten habe. Sie übrigens auch nicht, wie der Blick in den Dienstplan verrät. Auch sonst sind die Wortmeldungen unseres jungen High Potentials nicht gerade zielführend, aber dafür um so häufiger und umfangreicher. Tja, nun.

Susi Südzucker hat Angst vor dem Spätdienst. Ja, hatte ich vor vielen Jahren auch, aber ich habe mich bemüht, gelernt und auch einmal einen Rat angenommen. Letzteres ist aber, wie wir wissen, unter Susis Würde. Susi Südzucker scheint inzwischen die besondere Gunst der Gruppenleitung zu genießen. Das war zu erwarten und macht sie noch gefährlicher.

Am Nachmittag gehe ich in der Sonne zum Einkaufen, gieße die Balkonblumen und erledige Haushaltsdinge. Der beste Ex der Welt ist müde, menschenmüde von den vormittäglichen Kund*innen und den nachmittäglichen Musikschüler*innen.

Meine prima hermana (Cousine mütterlicherseits) hat Geburtstag. Wir sind nahezu gleich alt und fast wie Schwestern aufgewachsen. Dann kam das Leben dazwischen. Ich vermisse sie.

07.03.2022

Ich sehe Bilder von jungen Ukrainern und jungen Russen, die in den Krieg ziehen, und ich sehe meine Großonkel. Einer war dabei, dem hatte man eine Stelle als Lehrer irgendwo in Ostpreußen versprochen. Tatsächlich wurde er aber auf einem Flugplatz stationiert. Oder vielleicht auch nicht, ganz klar sind die Umstände nicht. Jedenfalls kam er zurück, aber todkrank, und starb kurz nach Kriegsende. Woran er starb, ist ebenfalls nicht klar.

Zogen einst fünf wilde Schwäne. Fünf, wie die fünf Brüder meiner Großmutter, die die Kindheit überlebten, um als junge Männer in einen Krieg geworfen zu werden, in dem sie nichts zu suchen hatten. Martin, Heinrich, August, Wilhelm, Walter.

Einer hatte nach dem Krieg ein steifes Bein, war aber trotzdem auch noch als älterer Herr ein begehrter Tänzer auf allen Festen.

In der Nacht träume ich, dass ich Putin links und rechts ohrfeige. Ob es ihn in irgendeiner Weise beeindruckt hat, habe ich leider nicht mehr gesehen.

Menschen spenden Kleidung, die sie selbst nicht mehr anziehen würden. Ich spende ja höchst selten Kleidung. Fehlkäufe gibt es bei mir so gut wie nicht. Inzwischen bin ich in einem Alter, wo ich weiß, was mir gefällt und steht. Was ich habe, trage ich, bis es mir in Fetzen vom Hintern hängt, und dann will es keiner mehr haben. Trotzdem wurde ich einmal vom hiesigen Blockwart gemaßregelt, weil ich alte, fleckige, kaputte T-Shirts in der Mülltonne entsorgt hatte. Man könne die doch noch spenden. Nein, so etwas „spende“ ich nicht.

Freund B erzählt, dass seine Schwester ihre Prüfung in Arabisch mit Bravour bestanden hat. „Sie ist unser Stolz.“ sagt er. Sie hat eine der islamischen Schulen besucht, die ein Mitglied der afghanischen Regierung für „ausreichend für Mädchen und Frauen“ hält. Der Lehrplan ist anspruchsvoller als ich vermutet hätte, aber der Abschluss gilt als Hochschulreifezeugnis nur für bestimmte Fächer. Dass sie vermutlich schon vor 2021 eine solche islamische Schule besucht hat, zeigt möglicherweise die Haltung ihrer Familie. Aber was weiß ich, welche Überlegungen afghanische Eltern anstellen müssen, wenn sie ihren Kindern Bildung und Sicherheit bieten wollen. Die Taliban, heißt es, waren auch zwischen 2001 und 2021 nicht weg, und sollen auch in dieser Zeit Mittel und Wege gefunden haben, Druck auszuüben.

03.03.2022

Heute hätte meine Großtante G, das Fräulein Doktor der Volkswirtschaft, Geburtstag.

In diesen Tagen, unter dem Eindruck des Angriffs auf die Ukraine, muss ich häufig an Federico García Lorca denken.

„Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ sagte Margot Kässmann. Meiner Erfahrung nach zieht Gott die Hand manchmal auch einfach weg. Übrigens, die Kriegsopfer, Hungernden, Obdachlosen dieser Welt hätten sich über eine schützende, bewahrende Hand auch gefreut.. Da ziehe ich Ernst Wiechert vor, der davon spricht, was passiert, wenn Gott einmal die Hand auf den Tisch stützt, nämlich nichts Gutes. Wenn Sie es selbst nachlesen wollen: es steht in „Die Jerominkinder“.

Als ich zur Mülltonne gehen will, steht die Dame aus Odessa völlig verwirrt vor der Nachbarwohnung und will aufschließen. Ich schaffe es nicht, ihr zu erklären, dass sie im ersten Stock wohnt und nicht im Dritten. Schließlich hole ich die russische Nachbarin zu Hilfe, aber trotz gemeinsamer Sprache kommen sie nicht zueinander. Ein anderer Nachbar, ehemaliger Altenpfleger, klemmt sich die Dame aus Odessa schließlich unter den Arm und gemeinsam geleiten wir sie die Treppe hinunter. Seltsam, bisher hatte ich sie nicht als verwirrt in Erinnerung. Vielleicht ist das alles ein bisschen viel für sie. In ihrer Wohnung läuft eine ukrainische Fernsehsendung, die nach Talkshow aussieht. Da Herr M, der ehemalige Altenpfleger, Besorgnis geäußert hat, werfe ich einen kurzen Blick in die Wohnung. Nichts ist verwahrlost, die Medikamente ordentlich auf einem Tablett aufgereiht. Vielleicht ist es nur eine momentane Verwirrung gewesen. Ich werde in der nächsten Zeit ab und zu nach ihr sehen.

Freund B, dem Wirtschaftswissenschaftler, erzähle ich vom Fräulein Doktor der Volkswirtschaft. Die kleine Münze der Völkerverständigung, vielleicht bewirkt sie etwas.