Frau von Unten hat einen neuen Kittel, weiß mit rosa Blumen. Zum ersten Mal, seit ich hier im Haus wohne, grüßt sie mich freundlich, erkundigt sich nach meinem Befinden und macht Konversation. Auf ihre Beerdigung gehe ich trotzdem nicht, sollte sie vor mir sterben.

Ich lese: Beni Eisenburg, A Bleame auf’m Huat. Einst und jetzt im Tegernseer Tal. Kleineheimat Verlag, 2021.

Über den Namen des Verlags muss ich lachen, nenne ich doch den Landkreis Miesbach meine kleine Ersatzheimat. Als Auswärtige Anfang der 90er nach Bayern, speziell nach München, zu kommen, war schlimm. Um Miesbach herum müssen Menschenfresser wohnen, habe ich einmal geglaubt, aber dann war es doch anders. Der Landkreis ist von Viehwirtschaft geprägt, und diese spezielle Kultur kenne ich aus Nordhessen. Ich weiß, wann man Vieh und Wiesen lobt und wann man besser den Mund hält. Das Vieh hat die falsche Farbe, aber das macht nichts.

Miesbach

Prozessionsmobiliar

Täuflinge der vergangenden Monate. Mir gefällt ja der Gedanke, dass Eltern ihr Kind „Mirabella“ nennen.

Wenn ich mich recht erinnere, trug Huckleberry Finns Vater Schuhe, auf deren Absätze Kreuze genagelt waren. Gefunden an der Treppe von der Kirche auf die Pfarrstraße. Vielleicht hat so etwas für Katholiken eine tiefere Bedeutung. Ich weiß es aber nicht.

Mehr Bilder aus Miesbach, der Kirche und der Kapelle:

Der Graffito-Engel vom letzten Mal wurde verschandelt. Der junge Mann, der die Verschandelung entfernte, ließ freundlicherweise die Engelsflügel da, auf dass der Engel auch weiterhin die Reisenden behüten möge.

24.06.2021 Miesbach

Zum ersten Mal seit September verlasse ich München und fahre mit dem Zug nach Miesbach.

Ein leichter Duft nach Landwirtschaft liegt über der Stadt. Ich wundere mich nicht, Miesbach und sein Landkreis bilden ein bedeutendes Zentrum der Viehzucht, seit Max Obermayer, später Wirt in Gmund, 1837 die ersten Simmentaler ins Oberland brachte. (Mit Simmentalern hatte ich im Schülerpraktikum in der 9. Klasse zu tun, vorher kannte ich diese Rasse gar nicht.) Es ist Markt, deshalb mischen sich auch andere Aromen ein: Obst, Gemüse, Kräuter, Käse und Backwaren. Auf dem Markt trägt man Maske und hält Abstand.

Rundherum kleine, feine Geschäfte. Ein Trachtengeschäft scheint schönere und schlichtere Ware anzubieten als die oft etwas überkandidelte Konkurrenz in München oder in Bad Tölz. Nicht, dass Sie mich jemals in einem Dirndl sehen werden, aber die Tücher und Schals, die man zum Dirndl trägt, gefallen mir und lassen sich auch mit vielen anderen Kleidungsstücken kombinieren. Vorerst begnüge ich mich mit den Schaufenstern. Auch Kirchen und Baudenkmäler betrachte ich dieses Mal nur von außen. Ich werde wiederkommen; die Zugfahrt dauert ja nur etwas über 40 Minuten.

In jedem mir neuen Ort schaue ich mir den Friedhof an. Wie man die Toten behandelt, sagt viel über eine Gegend und ihre Bewohner. In Miesbach werden die Toten anscheinend sehr ordentlich gehalten. Über dem Friedhof wacht ein brünetter Christus mit Rasta-Haaren, auf dem Friedhof liegt ein Max S., geb. 1955, an den auch zwei mit Plaketten versehene Parkbänke in der Stadt erinnern. Vielleicht gibt es noch mehr Parkbänke mit seinem Namen, ich habe aber nur zwei gesehen. Neben dem Friedhof liegt das Altersheim, gegenüber ein Bestattungsinstitut. Kurze Wege sparen Zeit und Geld.

Von der Straße, die zum Friedhof führt, geht die Frauenschulstraße ab. Diese führt zum heutigen Berufsschulzentrum, einer ehemaligen Schule für ländliche Hauswirtschaft, im Gebäude der ehemaligen Bergwerksdirektion. Dass in Miesbach seit 1763 Kohle gefördert wurde, war mir neu. ebenso, dass 1882 die erste Stromübertragung von Miesbach nach München gelang. An diese erinnert eine Tafel neben dem oben abgebildeten Brunnen.

Am Bahnhof fällt mir auf der Rückfahrt ein feines Graffito auf, das Engelsflügel zeigt. Der Urheber signiert mit „Drago“, wenn ich es richtig gelesen habe. Was er sich wohl dabei gedacht hat? Soll sein Engel etwa die Reisenden behüten? Es wäre ein schöner Gedanke.