28.03.2022

Anderswo ist die Rede von Ressentiments gegenüber hier lebenden Russ*innen. Nein, Putin ist nicht Russland, auch wenn eine Mehrheit der Russ*innen hinter ihm stehen sollte. Einzelne Russ*innen zu attackieren, hilft weder uns noch der Ukraine. Außerdem wissen wir nicht, warum diese Leute hier sind.

Lebte mein Vater noch, würde er den ganzen Tag über die Nachrichten verfolgen. Ich lese Zeitung und sehe einmal am Tag die Tagesschau.

Ich denke an ukrainische Kinder, die vielleicht nie erwachsen werden, nie studieren, heiraten und selbst Kinder haben werden, außerdem an alte Leute wie meine Mutter, die als Kinder einen Krieg erlebt haben und geglaubt haben, so etwas würde zu ihren Lebzeiten nicht mehr passieren. Auch an russische Kinder, denen Putin die Väter stiehlt.

Der ukrainische Botschafter Melnyk sagt, es sei falsch, dass russische Musiker*innen sich an einem Solidaritätskonzert für die Ukraine beteiligen. Ich hätte es eher als eine schöne Geste verstanden, aber natürlich ist ein anderes Empfinden auch legitim. Ich fürchte jedoch, es steht mir nicht zu, ein Urteil über Melnyk zu fällen.

Dazwischen die Oscars und eine Ohrfeige. Das Ereignis schlägt ungebührlich hohe Wellen in den social media, scheint mir. Vielleicht will man sich zur Abwechslung einmal mit etwas anderem beschäftigen als Corona oder mit dem Krieg nebenan. Das ist wohl menschlich, wenn auch nicht schön.

07.03.2022

Ich sehe Bilder von jungen Ukrainern und jungen Russen, die in den Krieg ziehen, und ich sehe meine Großonkel. Einer war dabei, dem hatte man eine Stelle als Lehrer irgendwo in Ostpreußen versprochen. Tatsächlich wurde er aber auf einem Flugplatz stationiert. Oder vielleicht auch nicht, ganz klar sind die Umstände nicht. Jedenfalls kam er zurück, aber todkrank, und starb kurz nach Kriegsende. Woran er starb, ist ebenfalls nicht klar.

Zogen einst fünf wilde Schwäne. Fünf, wie die fünf Brüder meiner Großmutter, die die Kindheit überlebten, um als junge Männer in einen Krieg geworfen zu werden, in dem sie nichts zu suchen hatten. Martin, Heinrich, August, Wilhelm, Walter.

Einer hatte nach dem Krieg ein steifes Bein, war aber trotzdem auch noch als älterer Herr ein begehrter Tänzer auf allen Festen.

In der Nacht träume ich, dass ich Putin links und rechts ohrfeige. Ob es ihn in irgendeiner Weise beeindruckt hat, habe ich leider nicht mehr gesehen.

Menschen spenden Kleidung, die sie selbst nicht mehr anziehen würden. Ich spende ja höchst selten Kleidung. Fehlkäufe gibt es bei mir so gut wie nicht. Inzwischen bin ich in einem Alter, wo ich weiß, was mir gefällt und steht. Was ich habe, trage ich, bis es mir in Fetzen vom Hintern hängt, und dann will es keiner mehr haben. Trotzdem wurde ich einmal vom hiesigen Blockwart gemaßregelt, weil ich alte, fleckige, kaputte T-Shirts in der Mülltonne entsorgt hatte. Man könne die doch noch spenden. Nein, so etwas „spende“ ich nicht.

Freund B erzählt, dass seine Schwester ihre Prüfung in Arabisch mit Bravour bestanden hat. „Sie ist unser Stolz.“ sagt er. Sie hat eine der islamischen Schulen besucht, die ein Mitglied der afghanischen Regierung für „ausreichend für Mädchen und Frauen“ hält. Der Lehrplan ist anspruchsvoller als ich vermutet hätte, aber der Abschluss gilt als Hochschulreifezeugnis nur für bestimmte Fächer. Dass sie vermutlich schon vor 2021 eine solche islamische Schule besucht hat, zeigt möglicherweise die Haltung ihrer Familie. Aber was weiß ich, welche Überlegungen afghanische Eltern anstellen müssen, wenn sie ihren Kindern Bildung und Sicherheit bieten wollen. Die Taliban, heißt es, waren auch zwischen 2001 und 2021 nicht weg, und sollen auch in dieser Zeit Mittel und Wege gefunden haben, Druck auszuüben.