Ich melde mich auf Instagram an, um die Beiträge einer Bloggerin zu lesen, die nur dort zu lesen sind. Dabei bemerke ich mit Entsetzen, dass mir nicht nur der Account eines Kollegen angezeigt wird, sondern auch der meiner Schwester (von dem ich nichts wusste). Schwesterlein hat ihren Account auf privat gestellt, was ich ihr sogleich nachmache. Woher weiß Instagram von einer Verbindung zwischen mir und den genannten Personen? Menschen, die ich privat kenne, meide ich im Internet und umgekehrt auch. Schwesterlein und ich haben je ein Privatleben, und das soll auch so bleiben. Was den Kollegen betrifft: wo der ist, sind wahrscheinlich noch mehr, was ein triftiger Grund ist, sich auf Instagram bedeckt zu halten.

Die neue Telefonsoftware hat den Praxistest bestanden, allerdings erst im zweiten Anlauf. Drei Stunden lang ging gestern gar nichts, dann funktionierte es doch, aber der Zusammenhang zwischen der Anleitung und der Realität war – wie so häufig bei unserer IT – nicht so leicht zu erkennen. Immerhin, nach zwei Jahren Pandemie haben wir nun auch die Hoffnung auf professionelle Telefonie im Home Office. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.

Freund B schockiert mich. Er ist aber der, der er ist, mit allen Widersprüchen.

Passbilder gemacht, sehr hässliche und billige Automatenfotos. Sie sind ja nur für die Krankenversicherungskarte und erfahrungsgemäß ohnehin kaum zu erkennen. Keine Ahnung, welcher Marketing-Dämelack sich den Begriff „Gesundheitskarte“ ausgedacht hat.

Meine Schwester kommt im Oktober und bringt mir die geerbten Stühle.

Wäre ich wohl im Dritten Reich emigriert? Wenn ich jung und unabhängig gewesen wäre, sicher. Ansonsten wäre es schwierig gewesen. Freund B hat darüber nachgedacht, Afghanistan zu verlassen, aber auch schon vor den Taliban. Er kannte nur Krieg und hat sich von den Taliban eine Art Frieden erhofft. Ich habe das vielleicht schon einmal erzählt. Ich glaube, er würde das Land auch jetzt noch gerne verlassen, aber er hat alte Eltern und eine jüngere Schwester, die studieren will und die er unterstützt, wo er kann. .

Zwischenmeldung

Freund B unterstützt die Taliban nicht mehr bedingungslos. Ich bilde mir nicht ein, dass meine Überzeugungsarbeit ausschlaggebend war. Freund B ist Wirtschaftswissenschaftler, und er sieht, dass die Taliban die Wirtschaft gerade mit Anlauf gegen die Wand fahren. In diesen Zeiten ist er verantwortlich für das Wohlergehen einer neunköpfigen Familie. Da mag sich einiges relativieren.

Ansonsten: intensive Gespräche per WhatsApp.

07.12.2021

Die Heizungsableser waren da, alle korrekt mit Maske und blitzschnell. Eine halbe Stunde vor der Zeit, gut, dass ich schon lange gestiefelt und gespornt war. Der nicht mehr ganz so neue Hausmeister ist ein angenehmer Mensch. Ruhig, sachlich, zuvorkommend. Als ich noch jung war, habe ich weiß Gott unter Hausmeistern gelitten.

Yasir streitet ab, dass die Taliban an den Checkpoints den WhatsApp-Verlauf der Passant*innen kontrollieren. Später berichtet er mir im Vertrauen noch etwas, das mich umhaut. Erzählen kann ich es aber hier nicht, weil es ihm gefährlich werden könnte.

Am Abend telefoniere ich sehr lange mit Freundin R. Freundin J schreibt.

06.12.2021

Keine gute Nachricht aus Afghanistan. Anscheinend überprüfen die Taliban an den Checkpoints den WhatsApp-Verlauf der Passanten. Was das für die bedeutet, die Kontakte ins Ausland pflegen und eventuell aus Afghanistan ausreisen wollen, kann man sich vorstellen. (WhatsApp ist ein kostenloses, Ende-zu-Ende-verschlüsseltes Kommunikationsmittel, das derzeit von vielen Afghan*innen genutzt wird.)

Mit Yasir kommuniziere ich ebenfalls über WhatsApp. Wir reden inzwischen sehr offen über Privates. Das könnte missverstanden werden, denn Yasir ist verheiratet. Ich schreibe ihm, dass wir vorsichtiger sein müssen. Die „richtige“ Gesinnung wird ihn nicht schützen, das lehrt die Geschichte. Außerdem ist Yasir von einer Unbedingtheit, mit der er sich Feinde im eigenen Lager machen wird.

Kevin from Microsoft ruft stündlich an. Irgendwann platzt mir der Kragen. Ich hebe ab und beschimpfe ihn wüst. Hinterher tut es mir Leid, denn er säße sicher nicht in einem unseriösen Outbound-Callcenter, wenn er andere Möglichkeiten hätte.

In der Nacht fällt Schnee.

31.10.2021

Tagelang keine Nachricht von Yasir. Getwittert hat er auch nicht. Mehrere unterschiedliche Horrorszenarien im Kopf. (Neben all den anderen afghanischen Horrorszenarien.) Aber schließlich meldet er sich, wenn auch übellaunig. Nun gut, jedenfalls ist er am Leben.

Ich werde aufhören, hier über Yasir zu schreiben. Gefragt habe ich ihn noch nicht, aber ich habe das Gefühl, es wäre ihm nicht Recht. Als Beweis, dass meine Handlungen das Tageslicht nicht scheuen müssen, habe ich ja immer noch den WhatsApp-Verlauf.

Ich lese „Shadow City“ von Taran N. Khan. Sie geht durch die Stadt, obwohl man ihr abgeraten hat, sich in Kabul zu Fuß zu bewegen, und notiert, was sie sieht. Dabei ist das Gehen etwas sehr Besonderes für sie:

„I have a complicated relationship with walking. This has a lot to do, I suspect, with having grown up in Aligarh, a city in northern India, where walking on the streets came with intense male scrutiny, and the sense of being in a proscribed space. As a woman stepping out into its thoroughfares, I needed a reason to place my body on the street. I learned to display a posture of ‚work‘ while walking, and to erase any signs that may hint at my being out for pleasure, for no reason at all other than to walk.“

Das erinnert mich an einen Familienurlaub auf Sizilien, wo ich – siebzehn Jahre alt – eines Abends den höflichen Gruß eines Fremden ebenso höflich beantwortete. Unsere Vermieterin wies mich darauf hin, dass ein anständiges Mädchen das besser nicht täte. Ich, wieder einmal die Familiendolmetscherin und deshalb mit jedweden Verhandlungen über Fahrkarten, Besichtigungen o.ä. betraut, hätte nämlich einen Ruf zu verlieren. Soziale Kontrolle, auch über gerade noch minderjährige Touristinnen.

27.10.2021

Estoy vacía, no siento nada.

Die täglichen gegenseitigen Gemeinheiten bei der Arbeit, auf der Straße, in den Geschäften, im Internet haben in der Corona-Krise zugenommen. Ich versuche meistens, der Unverschämtheit besondere Freundlichkeit oder zumindest Höflichkeit entgegenzusetzen, habe aber das Gefühl, dass die Freundlichkeit nicht unbedingt wahrgenommen wird. Außerdem gelingt mir Freundlichkeit auch nicht immer.

Ich frage Yasir nach Verbindungen zwischen Taliban, Al Qaida und IS. Seiner Meinung nach werden die Taliban nicht zulassen, dass IS und Al Qaida in Afghanistan Einfluss gewinnen. Im National Security Archive finde ich andere Informationen zu diesem Thema. (Wie sage ich Yasir, dass ich die Taliban nicht unterstütze, aber für ihn da sein werde, wenn es nötig ist?)

25.10.2021

Ich muss zum Schuhmacher, Schnürsenkel kaufen. Wie wohl die Geschäfte des Schuhmachers gehen? Laufen die Leute ihre Absätze noch schief? Ich war seit Beginn der Pandemie nicht mehr beim Schuhmacher. Wer zu Hause sitzt, nutzt keine Schuhe ab.

Mit Nazis spricht man nicht (aber mit Taliban ja eigentlich auch nicht). Was würde ich tun, wenn mein Kind mit einem Kind aus einer Nazi-Familie befreundet wäre?

Eine dritte Kollegin erzählt mir von Schwierigkeiten mit der tonangebenden Clique. Die Kollegin ist sehr kompetent, schon älter, möglicherweise oder angeblich etwas langsamer, häufig Empfängerin von Lob- und Dankschreiben der Kundschaft. Solche Schreiben sind in der Branche allgemein selten geworden und deshalb etwas Besonderes. Ich erkenne nun wirklich ein Muster.

In der Nacht träume ich, man hätte mich im beruflichen Kontext gefragt: Was können Sie gut? Im Traum habe ich geantwortet: Nichts.

20.10.2021

Der Tag danach ist ein Bürotag. Teile der tonangebenden Clique sind ebenfalls im Büro. Man ist überraschend freundlich, und ich frage mich, ob ich das Optimierungsgespräch geträumt habe. Eine Kollegin, die mich gerne um Hilfe bittet, aber ebenso gerne über mich lästert, erzählt mir von ihren Problemen im Home Office. Ich mache eine vage und beiläufige Bemerkung, die sich auf das Optimierungsgespräch bezieht, und sehe, wie sie zusammenzuckt. Aha.

In der Mittagspause finde ich eine Nachricht von Yasir auf meinem Handy. Ich habe ihm morgens kurz erzählt, dass im Büro etwas vorgefallen ist, und er wünscht mir Glück. Danach gehe ich zur Grippeimpfung und treffe einen ehemaligen Kollegen, der sehr glücklich mit seiner neuen Stelle ist.

Am Abend sehe ich eine Dokumentation über Osama bin Laden und bin schockiert über die Bosheit, die (unter anderem) aus verletztem Stolz und gekränkter Ehre entstehen kann.

19.10.2021

Auf Twitter diskutiere ich, ob ein Jude sich antisemitisch äußern kann. Später ärgere ich mich über mich selbst, weil ich mich zum 180. Mal auf eine solche Diskussion eingelassen habe, in der es der Gegenseite üblicherweise nur darum geht, eine Person in Misskredit zu bringen. Dazu ist dann wohl jedes Mittel recht.

Eine chronische Hautkrankheit scheint sich nach Jahren zu bessern. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, aber sie fühlt sich anders an, seit ich doppelt geimpft bin. Selbstverständlich beachte ich weiterhin sämtliche Vorsichtsmaßnahmen und treffe nur wenige Menschen.

In der Firma finden „Optimierungsgespräche“ statt. Wir sollen sagen, was uns in der fast vergangenen Saison nicht gepasst hat. Es läuft darauf hinaus, dass besprochen wird, wer unter den Kolleg*innen doof ist. Ich bin anscheinend doof, aber ich bin nicht die einzige. Generell sind kompetent und selbstbewusst wirkende Frauen doof. Ich erfahre, dass die tonangebende Clique eine geschlossene WhatsApp-Gruppe gegründet hat, in der man auf bösartigste Weise über die Interims-Chefin herzieht. Ich mag sie ja auch nicht, finde aber äußerst niederträchtig, was mir zu dem Thema hinterbracht wird. Ich äußere mich ehrlich und auch selbstkritisch zu verschiedenen Themen und ärgere mich danach wieder einmal über mich selbst. Aufrichtigkeit verfängt in dieser Umgebung nicht. Was ich falsch mache, sagt man mir nicht.

Mit Yasir rede ich über Wahlen, Demokratie und über seine Vorstellung von einer islamisch geprägten Regierung. (Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, bei diesem Thema offen zu sein und zu bleiben.)