19.10.2021

Auf Twitter diskutiere ich, ob ein Jude sich antisemitisch äußern kann. Später ärgere ich mich über mich selbst, weil ich mich zum 180. Mal auf eine solche Diskussion eingelassen habe, in der es der Gegenseite üblicherweise nur darum geht, eine Person in Misskredit zu bringen. Dazu ist dann wohl jedes Mittel recht.

Eine chronische Hautkrankheit scheint sich nach Jahren zu bessern. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, aber sie fühlt sich anders an, seit ich doppelt geimpft bin. Selbstverständlich beachte ich weiterhin sämtliche Vorsichtsmaßnahmen und treffe nur wenige Menschen.

In der Firma finden „Optimierungsgespräche“ statt. Wir sollen sagen, was uns in der fast vergangenen Saison nicht gepasst hat. Es läuft darauf hinaus, dass besprochen wird, wer unter den Kolleg*innen doof ist. Ich bin anscheinend doof, aber ich bin nicht die einzige. Generell sind kompetent und selbstbewusst wirkende Frauen doof. Ich erfahre, dass die tonangebende Clique eine geschlossene WhatsApp-Gruppe gegründet hat, in der man auf bösartigste Weise über die Interims-Chefin herzieht. Ich mag sie ja auch nicht, finde aber äußerst niederträchtig, was mir zu dem Thema hinterbracht wird. Ich äußere mich ehrlich und auch selbstkritisch zu verschiedenen Themen und ärgere mich danach wieder einmal über mich selbst. Aufrichtigkeit verfängt in dieser Umgebung nicht. Was ich falsch mache, sagt man mir nicht.

Mit Yasir rede ich über Wahlen, Demokratie und über seine Vorstellung von einer islamisch geprägten Regierung. (Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, bei diesem Thema offen zu sein und zu bleiben.)

12.10.2021

Es ist Herbst. Vor meinem Home Office – Fenster sind die Bäume aber noch überwiegend grün. Manchmal friere ich schon am Schreibtisch.

Auf Twitter schreibe ich, dass ich den Gebetsruf der Muslime als schön und manchmal sogar als tröstlich empfinde, mehr nicht, aber jemand meldet den Tweet. Ich verstehe die Leute nicht.

Menschen diskutieren über finanzielle Hilfe für Afghanistan. Klar ist, dass man damit auch das Taliban-Regime unterstützt. Aber kann man deshalb Millionen Menschen hungern lassen?

Mit Yasir rede ich über Halbprivates, das nicht hierher gehört.

11.10.2021

Zu welchem Ende soll man das Gespräch fortsetzen, fragt der sehr geschätzte Herr Hauptsschulblues, und bezieht sich auf mein Gespräch mit Yasir. Ja, es ist schockierend, was Yasir sagt. Nein, ich glaube nicht, dass er zu beeinflussen ist. Und selbst wenn ich ihn beeinflussen könnte, brächte ich ihn damit möglicherweise in Gefahr. Ich weiß nicht, wie Taliban auf Abweichler reagieren. Was ich weiß: wir haben uns trotz allem aufeinander eingelassen, wir können einander jetzt nicht mehr ohne weiteres fallen lassen. (Und immer die Fragen: Würde ich auch mit einem Nazi reden? Brächte ich die Geduld auf? Wäre es richtig oder falsch? Wo läge der Unterschied?)

Auf Twitter sehe ich Bilder und Videos aus Afghanistan. Soldaten und Kämpfer in unterschiedlicher Kleidung, von Camouflage bis Räuberzivil. Die Szenen sind für mich nicht immer verständlich. Ein Bild sagt eben nicht immer mehr als tausend Worte. Also lese ich. Dabei stütze ich mich auf U.S.- amerikanische Quellen. Der Google-Übersetzer stößt schon auf Twitter an seine Grenzen. Afghanische Quellen sind deshalb für mich nicht lesbar. Das Badri-Bataillon kämpft gegen ISIS und bildet seinerseits Selbstmordattentäter aus. The Khaama Press versucht, ausgewogen zu berichten, glaube ich.

Ich lerne einzelne Dinge über ein fremdes Land, aber wie die Gesellschaft in diesem Land funktioniert, verstehe ich noch lange nicht. Wer ist wem gegenüber loyal und warum?

07.10.2021

Die ersten Feigen des Jahres kommen aus Bursa. Da gibt (gab?) es einen Militärflughafen, der früher täglich um 21.00 Uhr schloss. Ein Krankentransport wäre daran fast gescheitert. Ich weiß noch, wie ich damals, vor vielen Jahren, auf einen Kommandanten, der ein sehr viel besseres Französisch sprach als ich, einredete, damit er ihn bis 23 .00 Uhr offen hielt. Am Ende nannte er mich „ma fille“ und ich ihn „Oncle Mehmet“. Das Flugzeug durfte schließlich doch noch landen und auch in der selben Nacht wieder abfliegen.

Ich rede weiter mit Yasir. Auf seiner Seite Kriegsrhetorik. Ein Selbstmordattentat, so schreibt er, sei ein Akt des Glaubens, der ihm nicht erlaubt sei, solange keine Feinde in seinem Land seien. Das beruhigt mich nicht wirklich.

Der Freund, der kein Freund ist, ist für mich ebenso wenig zu erreichen wie Yasir.

06.10.2021

In der Nacht schlafe ich so gut wie gar nicht. Sobald wie möglich, melde ich mich im Home Office an. Zum Glück ist nicht allzu viel los. Mein Antrag auf Heimarbeit auch nach der Pandemie wird sofort genehmigt. Eigentlich will ich so wenig wie möglich von zu Hause arbeiten, aber die Firma wünscht es aus Gründen, und ich will mir aus anderen Gründen und für alle Fälle die Möglichkeit offen halten.

Ich beende den Arbeitstag früh und schlafe knapp drei Stunden. Danach rede ich mit Yasir per WhatsApp über ein schwieriges Thema. Das schwierigste von allen. Ich setze voll auf Emotion. Es wird nichts nützen, das weiß ich. Trotzdem. Daneben recherchiere ich weiter.

Yasirs sonniges Gemüt auf der einen Seite und sein religiöser Starrsinn auf der anderen. Man möchte nicht glauben, dass so etwas möglich ist. Seit ein paar Tagen kenne ich sein Foto. Ein kräftiger junger Mann um die dreißig, brünett mit weichen Gesichtszügen, wie mein Bruder in dem Alter.

Nächste Fragen an mich selbst und an Yasir: Wie funktioniert eine islamische Republik? Wie habe ich mir einen Staat ohne Demokratie vorzustellen? Wo liegt der Unterschied zwischen der Ideologie der Taliban und der des ISIS-K?

Judas Thaddäus, der Heilige für die hoffnungslosen Fälle.

05.10.2021

Vielen Dank an alle, die mir kürzlich einen schönen Urlaub gewünscht haben. Es war aber nur ein Besuch bei Mutter und Bruder, wegen Corona das erste Mal nach langer Zeit. Ich bin froh, dass es wieder möglich war. Die ganze Zeit über hatte ich befürchtet, dass ich meine Mutter vielleicht nicht mehr lebend wiedersehe; schließlich ist sie 85 Jahre alt. Nun steht im November noch ein Besuch bei meinem genauso alten Paten an. Meine Mutter und mein Pate sind übrigens Freunde, seitdem der Pate und die Godel (Patentante) geheiratet haben. Das sind immerhin 62 Jahre.

Susi Südzucker liest keine Akten. Sie fragt mich lieber, was drin steht. Den Rest können Sie sich denken, oder besser nicht. Das werte Kollegium hingegen probt den Aufstand wegen einer Personalentscheidung, die nicht goutiert wird. Ich selbst hatte ja schon so viele seltsame Vorgesetzte, dass ich meinen eigenen Affenzirkus aufmachen könnte. Solange Susi nicht meine Chefin wird, ist mir alles Recht.

In Afghanistan ist anscheinend mancher ungebildet und noch stolz darauf. Das wird nicht funktionieren. Ich frage mich, was Yasir mit seinem Universitätsabschluss, der vermutlich in der im Artikel erwähnten Periode erworben wurde, darüber denkt, frage ihn aber nicht. Nicht jetzt. Für die Afghanen geht es gerade um die bloße Existenz, mit oder ohne Taliban. Dagegen ist alles, was ich erlebe oder denke, banal.

Am Nachmittag stelle ich zum ersten Mal in diesem Herbst die Heizung an, nachdem ich lange genug am Schreibtisch gefroren habe. Abends drehe ich sie zurück – ich bin aufgewärmt – und öffne die Balkontür. Draußen ist es feuchtwarm. Ich gieße die Pflanzen.

Am Abend gibt es Pizza.

30.09.2021

Um fünf Uhr wache ich auf, dusche, frühstücke, packe Koffer, soweit möglich. „Soweit möglich“ heißt, es hängen immer noch Sachen feucht auf der Leine.

Smartphone an. Keine Risikobegegnung, aber auch keine Nachricht von Yasir. Ich werfe den Laptop an. Irgendein Update hat nicht funktioniert, also erst einmal neu starten. Siehe da, plötzlich läuft alles wie geschmiert.

Später blinzelt die Sonne hinter Wolken, davor ein zwirnsfadenfeiner Nieselregen, der aber nicht lange dauert und kaum bis auf die Erde kommt. Ich beschließe, mich früher als geplant im Home Office anzumelden.

Viele Auslandsreisende, sowohl dienstlich als auch privat. Mich ereilt ein Italienfall, der sich dann aber in Wohlgefallen auflöst, später einer in der Schweiz, dessen Bearbeitung an der Unvernunft der Kundschaft scheitert.

Schließlich doch eine Nachricht von Yasir. Er hatte niemanden finden können, der sein Handy gratis für ihn auflädt. Wir sind nicht reich, schreibt er, was in meinen Augen die Untertreibung des Jahres ist. Ich weiß, dass er – Talib hin oder her – hohe moralische Ansprüche an sich selbst stellt, also keiner von denen ist, der die Nachbarschaft terrorisiert, um sich zu bereichern.

Wegen der bevorstehenden Reise mache ich einen Schnelltest. Negativ, zum Glück. Ich weiß, dass weder der Test noch die Impfung hundertprozentig sicher sind, aber ich möchte nichts versäumen.

27.09.2021

Ich lese weiter in Eva Demskis „Neuen Gartengeschichten“. Ähnlich wie ich auf meinem Balkon beobachtet sie, was in ihrem Garten wächst und von selbst wieder kommt, während die Gartengeschäfte noch geschlossen sind. Auch sie bemerkt eine Zunahme der Insektenpopulation. Ihre Gedanken zerfransen ganz ähnlich wie meine in dieser Zeit.

Die Gespräche mit Yasir tun mir auf irgendeine Weise gut, denke ich zunächst. Dann sehe ich zufällig einen Tweet, in dem er die Todesstrafe befürwortet. Ich hätte es mir ja denken können. Was nun? Bisher dachte ich immer, mit Befürwortern der Todesstrafe rede ich nicht, da ziehe ich die Grenze. Ich diskutiere mit ihm. Sein Hauptargument ist, dass der Koran die Todesstrafe erlaubt – ich weiß nicht, ob das stimmt – meins, dass wir Menschen uns nicht anmaßen dürfen, über Leben und Tod zu entscheiden. Wir drehen uns dabei im Kreis. Ich weiß nicht einmal, ob ich den Anflug eines Zweifels wecken konnte. Und hier kommt die Verantwortung ins Spiel, die man übernimmt, wenn man das Gespräch mit der Gegenseite sucht: man kann den Menschen hinter der Ideologie dann nicht mehr einfach fallen lassen. Das ist der Moment, in dem unser Gespräch kein Glasperlenspiel mehr ist. Da ist der Talib, und da ist Yasir, der ehrlich bestürzt ist, als ich selbstironisch von meiner schwarzen Seele spreche. Zwei Seiten eines Menschen, die man nicht voneinander trennen kann. Natürlich wusste ich, dass so ein Moment kommen würde. Aus diesem Grund habe ich gezögert, das Gespräch zu suchen. Wie weiter?

Enno Lenze reist nach Afghanistan. Die Taliban scheinen auf Außenwirkung bedacht zu sein. Ich weiß noch nicht, was ich von Enno Lenze halte. Die überraschende Freundlichkeit der Taliban, von der er spricht, bemerke ich auch bei Yasir. Yasir hat Wirtschaftswissenschaften studiert, glaube ich. Ich habe ihn übrigens immer noch nicht gefragt, ob er damit einverstanden ist, dass ich über ihn blogge, und ich fühle mich mies deswegen.

24.09.2021

Ich finde eine afghanische Online-Zeitung. Hier der direkte Link dazu. Es scheint fast ein Ein-Mann-Betrieb zu sein. Dem Talib, der von nun an hier Yasir heißen soll, habe ich die falschen Fragen gestellt. Übrigens fällt es mir schwer, den muslimischen Hardliner mit dem jungen Menschen, der Rosen und Regen liebt, in Einklang zu bringen. Wir reden erst einmal wieder über Unverfängliches.

Im Home Office und im Office-Office ist es seit Monaten wieder einmal ruhig, fast zu ruhig. Vermutlich kommt noch ein dickes Ende nach. Ich nehme die Beschwerde eines Kunden über die Aktenbearbeitung und das Auftreten eines Kollegen entgegen. Unter anderem habe der Kollege ihn ausgelacht – was ich, nachdem ich selbst mit dem Kunden gesprochen habe) verstehen kann. Ich war kurz davor, zu fragen: „Sie sind also auch so ein Schwurbler und Querdenker?“ Sie müssen sich aber keine Sorgen machen, selbst ich kann mich mitunter am Riemen reißen. Übrigens, und damit Sie es wissen, ist der Kunde „ein gestandener Mann“ und lässt sich deshalb nicht so behandeln!

19.06.2021

Das Gespräch mit dem Talib will ich eigentlich nicht fortsetzen. Mudschahid gewesen zu sein ist das eine, Talib das andere, aber noch etwas anderes ist das Haqqani-Netzwerk, auch wenn der Sohn des verstorbenen Gründers nun Innenminister in der afghanischen Übergangsregierung ist. Ich kenne die Verhältnisse in Afghanistan nicht gut, weiß aber, dass es dort inoffizielle Verbindungen und komplizierte Allianzen gibt, die für Laien wie mich kaum zu durchschauen sind. Inwieweit sich ein noch junger Mensch dem entziehen kann, wenn er überleben und eine Familie ernähren will, ist mir nicht klar. Twitter ist ein morastiger Boden, auf dem man solche Dinge nicht weiter ausführen sollte.

So denke ich, und dann mache ich mir doch Sorgen um den Mann. Er ist kein Dummkopf, aber er hat diese fast kindliche Einfachheit mancher sehr religiöser – aber nicht religiös gebildeter – Menschen. Ich schreibe ihm via WhatsApp, er könne sich melden, wenn er reden möchte. Und siehe da, ohne Mitlesende kann er plötzlich reden wie ein Wasserfall. Was ich lese, erschüttert mein Weltbild, und ich erkenne, dass ich auf meine Art ebenso borniert bin wie George Bush und Osama Bin Laden, die jemand einmal als „die bösen Zwillinge“ bezeichnet hat. Der Talib hat eine Sichtweise auf die Welt, die mir völlig fremd ist. Nicht, dass ich vorhabe, sie mir zu eigen zu machen. Aber verstehen muss ich sie, wenn ich weiterhin mit ihm reden will. Also recherchiere ich.

Wie mit jemandem reden, der meine Welt zutiefst verachtet? Und er? Bereut er schon, dass er gesagt hat, ich dürfe ihn alles fragen?