Ein russischer Soldat soll einen ukrainischen Kriegsgefangenen kastriert haben. Perversion eines einzelnen oder Teil einer Strategie, die Angst und Schrecken erzeugen soll?

Freundin P möchte nicht, dass ich den russischen Soldaten als „irre“ oder „verrückt“ bezeichne und ihn somit in die Nähe eines psychisch Kranken rücke. Abgesehen davon, dass ich nichts über den Geisteszustand des russischen Soldaten weiß: ein Mensch, der in der Lage ist, so etwas zu tun, muss meines Erachtens in moralischer Hinsicht in die Irre gegangen oder meinetwegen vom Platz verrückt worden sein. Anderenfalls müsste man annehmen, er sei einfach abgrundtief böse (und so etwas will ich von keinem Menschen annehmen). Aber natürlich hat P Recht: man darf Grausamkeit nicht mit psychischer Krankheit gleichsetzen.

Freund B hat wieder Arbeit. Er arbeitet für das afghanische Innenministerium, was auch schon wieder egal ist, weil man – ganz gleich, was man tut – in Kabul derzeit nicht an den Taliban vorbei leben kann. Sein Gehalt soll 7000 AFN, umgerechnet gut 75 Euro, im Monat betragen. Wenn er es denn bekommt, denn zunächst muss er ohne Lohn arbeiten. Eine Mahlzeit am Tag spendiert der Arbeitgeber; die Mahlzeit besteht aus Reis und nichts sonst. Übrigens scheinen die Mitglieder der afghanischen Regierung selbst nicht am Hungertuch zu nagen. Die Herren sehen recht wohlgenährt aus.

In eigener Sache: ich lese zur Zeit weniger Blogs, deshalb gibt es vorerst keine Blogroll mehr. Es liegt nicht an Ihnen, es liegt daran, dass mir die vielen Stimmen einfach zur viel werden. Das passiert mir gelegentlich.

01.05.2022

Franza o Spagna, pur che se magna.

Gefunden vor Jahren bei Elizabeth Gilbert, Eat, Pray , Love

Es soll sich hierbei um ein römisches Sprichwort handeln. Es sei egal, ob man unter französischer oder spanischer Herrschaft stehe. so lange man zu essen habe… Das ist die Sichtweise von Menschen, die niemals auch nur den geringsten Einfluss auf das Weltgeschehen haben werden. Nein, ich möchte das gar nicht auf die Ukraine bezogen wissen, erst recht nicht im Hinblick auf den Brief, den unter anderen Alexander Kluge unterzeichnet hat. Ich habe keine kluge Antwort auf die Frage des Kriegs, den Putin angezettelt hat. Ich habe gar keine Antwort.

Ist es Ihnen aufgefallen, dass es Bücher gibt, aus denen man herauswächst? „Eat, pray, love“ kam damals für mich zum richtigen Zeitpunkt, aber nun hat mein Leben es überholt und ich kann das Buch weitergeben.

Freund B, der sich mit Krieg auskennt, feiert Eid al Fitr. Uns geht es gut, schreibt er, nur dein Platz ist leer. Paschtunische Höflichkeit, nehme ich an. Oder Freund B in seinem typischen Überschwang? Ich kann ihn nicht einschätzen.

Anderswo

Herr Solminore über eine verlorene Heimat.

Herr Hauptschulblues hat ein altes Flugblatt gelesen. Es geht um Krieg, aber nicht den aktuellen.

Schwarze Sklavinnen als Versuchskaninchen.

Flüchtende Roma aus der Ukraine.

Als ich ins katholische München zog, fiel mir sein Grabstein auf: Johann Balthasar Michel, der erste Protestant, der das Münchner Bürgerrecht erhielt. Dass er ein Wein- und Pferdehändler war, wusste ich bisher nicht, aber diese zwei Berufe waren auch in meiner Familie häufiger vertreten. Verwandtschaft ist er aber wohl nicht.

Juan Moneo (1953-2013) por tientos.

Selenskyi

Woran ich kürzlich denken musste:

Vor mir verließ ein junger Barbarenfürst die Kurie. Er war unbewaffnet, und wenn er auch noch an der Spitze seines Gefolges einherging, war er doch schon verloren. Er hatte sich dort drinnen selbst hingerichtet. Als er vorbeikam, begegneten sich unsere Blicke. Er hatte die Augen eines Tieres in der Falle.“ (Waldtraut Lewin, Die stillen Römer)

Hoffen wir, dass es mit Selenskyi kein so schlimmes Ende nimmt.

04.04.2022

Der Paravent auf dem Balkon ist umgestürzt. Ich mache mir nicht die Mühe, ihn aufzurichten. Solange das Wetter ist, wie es ist, wird er wieder umstürzen. Außerdem brauche ich gerade ohnehin keinen Sonnenschutz.

Kriegsverbrechen russischer Soldaten in der Ukraine. Sie gehen mir nahe, aber ich kommentiere sie so wenig wie möglich. Ich kann gar nichts tun, das ist die banale und schreckliche Wahrheit. Was sollen also Worte?

Ich lese, ich schreibe, ich lenke mich ab. Das Mütterlein fantasiert vom Tyrannenmord. Wäre sie seinerzeit alt genug gewesen, wäre sie über die Grenze gegangen und hätte sich der Résistance angeschlossen, davon bin ich überzeugt. (Ein Hitlervergleich. Das gehört sich nicht, ich weiß.)

Wenigstens habe ich den Thymian über den Winter gebracht, und auch der Rosmarin hat sich ganz prächtig erholt. Man muss doch einen Fuß vor den anderen setzen. Diese Erde wird noch da sein, wenn wir alle längst vergangen sind. Das ist auf eine gewisse Weise sogar tröstlich.

28.03.2022

Anderswo ist die Rede von Ressentiments gegenüber hier lebenden Russ*innen. Nein, Putin ist nicht Russland, auch wenn eine Mehrheit der Russ*innen hinter ihm stehen sollte. Einzelne Russ*innen zu attackieren, hilft weder uns noch der Ukraine. Außerdem wissen wir nicht, warum diese Leute hier sind.

Lebte mein Vater noch, würde er den ganzen Tag über die Nachrichten verfolgen. Ich lese Zeitung und sehe einmal am Tag die Tagesschau.

Ich denke an ukrainische Kinder, die vielleicht nie erwachsen werden, nie studieren, heiraten und selbst Kinder haben werden, außerdem an alte Leute wie meine Mutter, die als Kinder einen Krieg erlebt haben und geglaubt haben, so etwas würde zu ihren Lebzeiten nicht mehr passieren. Auch an russische Kinder, denen Putin die Väter stiehlt.

Der ukrainische Botschafter Melnyk sagt, es sei falsch, dass russische Musiker*innen sich an einem Solidaritätskonzert für die Ukraine beteiligen. Ich hätte es eher als eine schöne Geste verstanden, aber natürlich ist ein anderes Empfinden auch legitim. Ich fürchte jedoch, es steht mir nicht zu, ein Urteil über Melnyk zu fällen.

Dazwischen die Oscars und eine Ohrfeige. Das Ereignis schlägt ungebührlich hohe Wellen in den social media, scheint mir. Vielleicht will man sich zur Abwechslung einmal mit etwas anderem beschäftigen als Corona oder mit dem Krieg nebenan. Das ist wohl menschlich, wenn auch nicht schön.

23.03.2022

Die Uhr geht ein bisschen falsch, aber ich weiß nicht, wie man sie stellt. Da das integrierte Thermometer nicht mehr funktioniert und ich genug Uhren habe, überlege ich, sie demnächst in den Ausmistsack zu stecken. Platz schaffen. Der geschaffene Platz ist allerdings nicht der Rede wert.

Machen Sie das eigentlich auch? Schauen Sie ein paar Tage später noch einmal nach, was Sie eigentlich auf Nachbarblogs kommentiert haben, nur für den Fall, dass Sie etwas entsetzlich Dummes kommentiert haben? Was tun Sie, wenn Sie etwas Dummes kommentiert haben? Bitten Sie den Blognachbarn, Ihre Dummheiten gnädig zu löschen? (Das wäre mir noch peinlicher als der dumme Kommentar.)

Was in der Ukraine geschieht, ist entsetzlich. Dennoch bete ich, dass die Nato nicht in den Krieg eintritt. Die Konsequenzen für Europa wären furchtbar. Ich schäme mich, weil ich das sage, aber ich kann nicht anders.

Freund B ist wütend. Er mag ein Talib sein, aber die Mädchen in seiner Familie sollen zu Schule gehen. Wir werden ihnen (der Regierung) das nicht durchgehen lassen, verspricht er. Man wird sehen.

Es ging / geht mir nicht gut. Wenn die Zahngeschichte ausgestanden ist, gehe ich zum Hausarzt. So geht das nicht weiter. Immerhin schaffe ich eine mittelschnelle Sevillana, nachdem ich den Keller weiter hergerichtet habe.

Am 20.03.2022 war Nowruz, Neujahr. Die Taliban hatten zuvor angekündigt, dass sie niemanden daran hindern werden, Nowruz zu feiern. Fakt ist aber, dass viele Menschen in Afghanistan sowieso nicht feiern konnten, weil sie nicht einmal das Nötigste haben. So erzählt Freund B.

07.03.2022

Ich sehe Bilder von jungen Ukrainern und jungen Russen, die in den Krieg ziehen, und ich sehe meine Großonkel. Einer war dabei, dem hatte man eine Stelle als Lehrer irgendwo in Ostpreußen versprochen. Tatsächlich wurde er aber auf einem Flugplatz stationiert. Oder vielleicht auch nicht, ganz klar sind die Umstände nicht. Jedenfalls kam er zurück, aber todkrank, und starb kurz nach Kriegsende. Woran er starb, ist ebenfalls nicht klar.

Zogen einst fünf wilde Schwäne. Fünf, wie die fünf Brüder meiner Großmutter, die die Kindheit überlebten, um als junge Männer in einen Krieg geworfen zu werden, in dem sie nichts zu suchen hatten. Martin, Heinrich, August, Wilhelm, Walter.

Einer hatte nach dem Krieg ein steifes Bein, war aber trotzdem auch noch als älterer Herr ein begehrter Tänzer auf allen Festen.

In der Nacht träume ich, dass ich Putin links und rechts ohrfeige. Ob es ihn in irgendeiner Weise beeindruckt hat, habe ich leider nicht mehr gesehen.

Menschen spenden Kleidung, die sie selbst nicht mehr anziehen würden. Ich spende ja höchst selten Kleidung. Fehlkäufe gibt es bei mir so gut wie nicht. Inzwischen bin ich in einem Alter, wo ich weiß, was mir gefällt und steht. Was ich habe, trage ich, bis es mir in Fetzen vom Hintern hängt, und dann will es keiner mehr haben. Trotzdem wurde ich einmal vom hiesigen Blockwart gemaßregelt, weil ich alte, fleckige, kaputte T-Shirts in der Mülltonne entsorgt hatte. Man könne die doch noch spenden. Nein, so etwas „spende“ ich nicht.

Freund B erzählt, dass seine Schwester ihre Prüfung in Arabisch mit Bravour bestanden hat. „Sie ist unser Stolz.“ sagt er. Sie hat eine der islamischen Schulen besucht, die ein Mitglied der afghanischen Regierung für „ausreichend für Mädchen und Frauen“ hält. Der Lehrplan ist anspruchsvoller als ich vermutet hätte, aber der Abschluss gilt als Hochschulreifezeugnis nur für bestimmte Fächer. Dass sie vermutlich schon vor 2021 eine solche islamische Schule besucht hat, zeigt möglicherweise die Haltung ihrer Familie. Aber was weiß ich, welche Überlegungen afghanische Eltern anstellen müssen, wenn sie ihren Kindern Bildung und Sicherheit bieten wollen. Die Taliban, heißt es, waren auch zwischen 2001 und 2021 nicht weg, und sollen auch in dieser Zeit Mittel und Wege gefunden haben, Druck auszuüben.