Anderswo

Aus Minden, sage ich immer, ist noch nie etwas Gutes gekommen. Dafür dürfen Sie sich bei einem meiner Exe, einem Mindener, bedanken. Aber Annuschka hat schöne Fotos gemacht, und vielleicht versöhne ich mich doch noch mit der Heimat meines lange Verflossenen.

Wenn man (vielleicht) fliehen muss. Praktische Erwägungen. (Ich hatte eine Großtante, in deren Kleidersäumen haben wir nach ihrem Tod Goldmünzen gefunden. Das war in den 80ern. Manche bleiben ihr Leben lang auf dem Sprung.)

Ansichten russischer Akademiker./Wissenschaftler.

Menglin hat etwas anzukündigen, und auch hier geht es um die Ukraine. Alles hilft irgendjemandem.

Camarón por bulerìas: Potro de rabia y miel.

03.03.2022

Heute hätte meine Großtante G, das Fräulein Doktor der Volkswirtschaft, Geburtstag.

In diesen Tagen, unter dem Eindruck des Angriffs auf die Ukraine, muss ich häufig an Federico García Lorca denken.

„Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ sagte Margot Kässmann. Meiner Erfahrung nach zieht Gott die Hand manchmal auch einfach weg. Übrigens, die Kriegsopfer, Hungernden, Obdachlosen dieser Welt hätten sich über eine schützende, bewahrende Hand auch gefreut.. Da ziehe ich Ernst Wiechert vor, der davon spricht, was passiert, wenn Gott einmal die Hand auf den Tisch stützt, nämlich nichts Gutes. Wenn Sie es selbst nachlesen wollen: es steht in „Die Jerominkinder“.

Als ich zur Mülltonne gehen will, steht die Dame aus Odessa völlig verwirrt vor der Nachbarwohnung und will aufschließen. Ich schaffe es nicht, ihr zu erklären, dass sie im ersten Stock wohnt und nicht im Dritten. Schließlich hole ich die russische Nachbarin zu Hilfe, aber trotz gemeinsamer Sprache kommen sie nicht zueinander. Ein anderer Nachbar, ehemaliger Altenpfleger, klemmt sich die Dame aus Odessa schließlich unter den Arm und gemeinsam geleiten wir sie die Treppe hinunter. Seltsam, bisher hatte ich sie nicht als verwirrt in Erinnerung. Vielleicht ist das alles ein bisschen viel für sie. In ihrer Wohnung läuft eine ukrainische Fernsehsendung, die nach Talkshow aussieht. Da Herr M, der ehemalige Altenpfleger, Besorgnis geäußert hat, werfe ich einen kurzen Blick in die Wohnung. Nichts ist verwahrlost, die Medikamente ordentlich auf einem Tablett aufgereiht. Vielleicht ist es nur eine momentane Verwirrung gewesen. Ich werde in der nächsten Zeit ab und zu nach ihr sehen.

Freund B, dem Wirtschaftswissenschaftler, erzähle ich vom Fräulein Doktor der Volkswirtschaft. Die kleine Münze der Völkerverständigung, vielleicht bewirkt sie etwas.

02.03.2022

Der Sohn der Dame aus Odessa ist in Deutschland. Ich hätte nicht gedacht, dass sie alt genug ist, einen sechzigjährigen Sohn zu haben. Vielleicht ist er auch jünger und auf anderen Wegen nach Deutschland gekommen, wer weiß das schon. Auf jeden Fall einer weniger, der in Gefahr ist.

An der Bushaltestelle unterhalten sich Männer in einer slawischen Sprache. Ich weiß nicht, ob es vielleicht Russisch oder Ukrainisch ist. Einer ruft mir „Guten Morgen“ zu, aber es ist schon Nachmittag. Er hat getrunken, ich reagiere nicht. Hinterher schäme ich mich. Vielleicht säuft er sich nur die Verzweiflung weg.

Auf Twitter berichtet eine Ukrainerin von den jungen russischen Soldaten, die ziemlich ahnungslos in diesen Krieg gestolpert seien. Die Seemannsmission erzählt von russischen und ukrainischen Seeleuten, die zusammen trinken und weinen. Ich muss an meine Oma L denken, die Ehemann und Bruder, und an meine Oma M, die gleich mehrere jüngere Brüder an den Krieg verlor. Ich verzeihe nicht. Ich verzeihe keinem, der zu Hause im Sessel sitzt und junge Menschen in den Tod schickt.

Ich suche ein Zitat von García Lorca, kann es aber weder finden noch mich erinnern. Der Wortlaut fällt mir weder auf Spanisch noch auf Deutsch ein. Es ging zwar um Blutrache, aber es hätte auch hier gepasst,

28.02.2022

Nach Wochen der Schlaflosigkeit endlich einmal wieder ausreichend geschlafen. Ich kann es noch, denke ich mir, wohl wissend, dass die nächste Nacht wieder anders aussehen kann. (Keine Tipps, bitte, ich kenne sie alle.)

Gewisse Gedanken in punkto Putin und Krieg erlaube ich mir nicht. Wenn ich sie mir doch erlaube, schreibe ich sie hier nicht nieder. „Niederschreiben“ klingt übrigens seltsam, wenn man vor einem Laptop sitzt. Die Fläche, auf der die Buchstaben erscheinen, richtet sich ja schräg nach oben.

Das Mütterlein erlaubt sich keine Angst. So ist das Mütterlein. Das hat sie übrigens von ihrer Mutter.

Auf Twitter spotten einige schon über Putins bevorstehende Niederlage, und ich denke mir, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Trotzdem finde ich die riesige Welle der Solidarität beeindruckend.

27.02.2022

Putin droht mit Konsequenzen für Staaten, die die Ukraine unterstützen und lässt durchblicken, dass er von Atomwaffen spricht.

Zum gestrigen Gerücht über afrikanische Student*innen, die man an der Flucht aus der Ukraine hindert, hier ein Artikel aus dem Berliner Kurier. .

Am Abend ist ein feines Stadtgeläut zu hören, und zum ersten Mal in all den Jahren muss ich mich nicht über unsauberen Anschlag und – wie es Bettine von Arnim ausdrückte – grobe Disharmonien zur höheren Ehre Gottes ärgern. Aber was die Änderung bewirkt hat, weiß ich nicht. Es scheinen mehrere Kirchen in der Gegend beteiligt zu sein, Sankt Antonius aber nicht.

Ich blättere durch Herbert Brödls Erzählung vom „Lustigen Peter“.

26.02.2022

Bald wird mein liederlicher Onkel begraben. Er hat sich ein anonymes Begräbnis gewünscht. Dazu muss (zumindest hier in München) die Urne zehn Jahre lang aufbewahrt werden, erst dann darf sie in die Erde. Ich habe meine Onkel sehr lieb gehabt, aber er hat durch seinen Lebenswandel und seine Rücksichtslosigkeit vielen Menschen geschadet. Zu Grunde lag wohl eine psychische Erkrankung. Helfen lassen wollte oder konnte er sich nicht. Ich kann deshalb keine Filme mit Harald Juhnke sehen. (Dies bitte nicht kommentieren, es ist zu schmerzhaft.)

Freund B fragt, ob ich schon gefrühstückt habe. Ich erzähle, was man in Deutschland zum Frühstück isst und frage nach seinem Frühstück. Brot und Tee, sagt er, er und seine Familie leben hauptsächlich von Brot und Tee.

Ich folge der Kriegsberichterstattung aus der Ferne und mir fällt eine Zeile aus einem Partisanenlied ein: „Il y a des pays où les gens au creux des lits font des rêves.“ Man lobt die Courage des ukrainischen Präsidenten und schöpft Hoffnung aus Widrigkeiten, die den russischen Soldaten begegnen. So irrational Putin auch erscheinen mag, fürchte ich doch, man darf weder ihn noch das russische Militär unterschätzen.

Manche sind – vom Sofa in Deutschland aus – regelrecht kriegsbesoffen. Das wird aufhören, sollte der Krieg sie am eigenen Hintern packen. Ich bin angewidert, aber nicht nur von den Kriegsbesoffenen, sondern auch von denen, die sich in Banalitäten ergehen. (Gerade ich muss das sagen: dieses Blog ist bekanntermaßen eine einzige Aneinanderreihung von Banalitäten.)

Viel Solidarität mit ukrainischen Flüchtlingen. Man bietet Sofas, Zimmer und sogar Ferienwohnungen an. Andere fragen sich, warum man das nicht schon 2015 getan hat. Die Ukrainer*innen sind weiß und christlich, sagen einige. Eine andere mögliche Erklärung, die mir lieber ist: man hat in 2015 das Elend der aus Syrien Geflüchteten hautnah mitbekommen und will es dieses Mal besser machen.

Aus Polen und der Ukraine Gerüchte: man habe in der Ukraine lebenden schwarzen Flüchtlingen den Grenzübertritt nach Polen verwehrt. Begründung sei gewesen, dass ukrainische Staatsbürger*innen Vorrang hätten. Ob es wahr ist, weiß ich nicht.

25.02.2022

Es fällt mir schwer, besonnen zu bleiben. Nicht in Panik zu verfallen angesichts der Hybris des russischen Präsidenten. Ich frage mich, wie dieser sich ohne Gesichtsverlust zurückziehen könnte. Herr Hauptschulblues zitiert Matthias Claudius, der begehrt, „nicht schuld daran zu sein“. Kann man das begehren? Darf man das? Ist man nicht immer mitschuldig, auch gegen den eigenen Willen? Nur, weil man da war und zu schwach, um zu helfen?

Aber das kleine Leben geht weiter, hier in Deutschland, wenn man sich auch Sorgen macht um den ukrainischstämmigen Kollegen und die alte Nachbarin, die Sie als „die Dame aus Odessa“ kennen bzw. um deren Familien. Es muss ja auch weitergehen, Schritt für Schritt, einen Fuß vor den anderen. Ich erinnere mich daran, wie ich zu Beginn der Corona-Krise dem Freund, der kein Freund ist, schrieb: „Aber wir halten Stand!“, was mehr ein Befehl an mich selbst als an ihn war. Standhalten ist ja nun auch alles, was simple Menschen wie wir tun können. .

Vor dem Fenster strahlt die Sonne, während ich dies schreibe. Ich erinnere mich an Swetlana Geier, die glaubte, das Ukrainische sei das ursprünglichste, reinste Russisch.

24.02.2022

Man wundert sich allenthalben, dass im Jahr 2022 ein Krieg in Europa möglich ist. Ich wundere mich, dass man sich wundert. Der Mensch hat noch genug Bestie in sich, dass Kriege und Genozide möglich sind. Eigentlich müsste sich der Mensch geändert haben, und zwar zum Besseren, aber wir haben ja an den Coronaleugner*innen und ähnlichem Gelichter gesehen, dass er das nicht getan hat.

Ist es der Preis unserer Mobilität, dass sich einerseits Seuchen schneller verbreiten und andererseits eine Art Nähe entsteht zwischen Menschen in unterschiedlichen Ländern? Gefühlt kennt jede*r jemanden in oder aus der Ukraine.

Ich räume das Tanzstudio aus, bzw. lasse räumen, da die zu entsorgenden Dinge nicht mehr unter „haushaltsübliche Mengen“ fallen. Es ist gut so wie es ist.

Danach hänge ich am Radio und an Twitter, bis ich es nicht mehr aushalte.

Freund B wünscht sich Versöhnung zwischen Taliban und anderen Gruppen in Afghanistan. Ich würde mir für Afghanistan noch einige andere Dinge wünschen, aber so weit ist Freund B noch nicht, fürchte ich. Die Universität Kabul öffnet im März, erzählt er mir, und zwar für Studenten und Studentinnen. Wir werden sehen.